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Die zweite Stelle

Kurzgeschichte von Ute Windeler

Max hatte sie vorhin angerufen und so wartete Hannah nun auf ihn. Eigentlich wollte er das gesamte Wochenende mit seiner Familie verbringen und Hannah war nicht auf seinen Besuch vorbereitet. Schnell räumte sie die Wohnung auf und gab eine Bestellung beim Lieferservice auf. Das Rahmenprogramm für den Abend stand also.

Da Max keine Zeit hatte, war sie heute mit ihrer Freundin im Biergarten verabredet. Dieser mußte sie vorhin absagen und wieder einmal ließ sich deshalb Vorwürfe über sich ergehen. Natürlich richtete Hannah sich ihr Leben nach Max ein, ihr blieb nichts anderes übrig. Wenn er außerplanmäßig Zeit für sie erübrigen konnte, gab es für Hannah kein Halten mehr und sie änderte ihre Pläne für die Besuche von Max. Sie beklagte sich bei ihrer Freundin hin und wieder darüber, deshalb gab sie ihr heute keine scharfe Antwort auf die Vorwürfe, sondern beendete das Gespräch schnell.

Bevor sie lange telefonierte, hatte sie noch unter die Dusche zu springen und den Tisch zu decken. Außerdem liebte Max ihre Duftöl-Massagen und da ihre alte Dose leer war, mußte sie noch eine neue Mischung anrühren. Sie fügte reichlich Ingwertropfen für seine Stimulation und Rosenöl für seine Nase bei. Zufrieden sah sich dann in der Wohnung um; alles wartete auf ihn.

Hannah sah an sich hinunter. Noch steckte ihr Körper in einem weißen Frotteemantel, doch den würde sie jetzt gegen ein bequemes Minikleid austauschen. Eifrig rubbelte sie sich die langen Locken trocken und kämmte sie Strähne für Strähne durch. Drei Minuten fönen, dann war sie mit ihrer Naturmähne zufrieden. Hannah schminkte sich nur leicht und räumte eiligst die Bad-Utensilien zusammen. Ein prüfender Blick sagte ihr, daß sie in den nächsten Tagen Rasierschaum für Max kaufen gehen mußte. Die Tube näherte sich ihrem Ende.

Dann hetzte sie ins Schlafzimmer und zog sich das Kleid über, drehte sich vor dem Spiegel und nickte anerkennend. Während sie etwas atemlos in die eleganten Schuhe schlüpfte, klingelte es bereits an der Haustür. Voller Vorfreude öffnete sie ihm wenige Minuten später die Wohnungstür und erkannte gleich an seiner fast flüchtigen Begrüßung, daß er schlecht gelaunt war. Ihren hübschen Anblick nahm er nicht zur Kenntnis, sondern bediente sich wie selbstverständlich in ihrer Küche und füllte zwei Weinschenker ein.

Hannah grinste ihn leicht mit einem fröhlichen Zwinkern an, doch er schaute ihr nur für einen Bruchteil direkt in die Augen und regte sich dann erneut über seine Frau auf. Hannah stand ihm abwartend gegenüber. In dieses Thema würde sie sich niemals einmischen, auch wenn sie sonst für alle Probleme von Max offen war. Doch Streitigkeiten mit seiner Ehefrau waren seine Sache, zumal er immer wieder zu ihr zurückkehrte.

Es war lange her, daß Hannah noch an eine Zukunft zu zweit mit Max gedacht hatte. Wenn nicht irgendetwas passierte, würde Max niemals seine Familie verlassen, um mit Hannah zusammenzuleben. Das wußte sie zwischenzeitlich und konnte sich darauf einstellen. Hannah genoß jeden Augenblick, den sie mit Max verbringen konnte. Daß sie dabei manchmal sich selbst aufgab, übersah sie absichtlich.

Nachdem er sich den Frust von der Seele geredet und das ganze Weinglas geleert hatte, änderte sich sein Verhalten plötzlich. Max beruhigte sich und langsam verdrängte der Besuch bei Hannah den Streit mit seiner Frau. Jetzt sah er Hannah mit stolzem Blick an und sie beobachtete ihn, wie seine Augen ihren Körper abtasteten. Sein entsprechendes Kompliment nahm sie mit einem leichten Lächeln auf. Max zog sein Jacket aus und machte es sich auf der Couch bequem, während Hannah den Lieferanten abfertigte und das Essen herrichtete.

Seine Mitteilung, daß er überhaupt keinen Hunger habe, brachte sie kurzzeitig aus dem Konzept. Dann lächelte sie in sich hinein; ihr fiel eine Möglichkeit ein, diese Aussage zu widerlegen. Hannah füllte erneut das Weinglas und brachte einige der gelieferten Köstlichkeiten ins Wohnzimmer. Max begann auf ihre Frage hin über die Sitzung zu reden, über die sie sich das letzte Mal lange unterhalten hatten. 

Hannah nahm nebenbei einige der Scampi und führte sie zu seinem Mund. Er registrierte den Fisch, war mit den Gedanken jedoch voll auf seine Erzählung konzentriert. Sie unterbrach ihn und wollte wissen, ob er etwas essen wollte. Nachdem Max nickte und den Mund öffnete, hielt sie ihm die Scampi zum Zubeißen hin und zog sie dann wieder zurück. Seine Zunge leckte nach dem Fisch und sie gab nach. Hannah erfreute es, daß ein letzter Rest der Soße an seinem Mundwinkel hing. Sie warnte ihn vor und kam seinem Gesicht ganz nahe, bis sie mit der Zunge seine Lippen berührte und die süße Soße ableckte.

Als er weitere Scampi verschlungen hatte, beugte er sich plötzlich über sie und küßte Hannah heftig. Die Reaktion ohne Vorwarnung überraschte Hannah etwas und bevor sie wußte, was mit ihr geschah, hatte er sie aus den Kissen der Couch auf den weichen Fußboden gezogen.

Hannah gefiel auch der weitere Verlauf des Abends und der frühen Nacht. Max ging kurz vor Mitternacht und Hannah leerte mit errötetem Gesicht den Rest der zweiten Weinflasche in ihr Glas. Sie kuschelte sich in die Bettwäsche und schlief dann glücklich ein.

* * *

Am Tag danach rief er sie sogar auf der Arbeit an und verabredete sich für den nächsten Abend mit ihr. Hannah überlebte den Arbeitstag nur mit ungeduldigem Fiebern auf den Feierabend und hatte ein Dauergrinsen im Gesicht. Sie ging früh, um im Supermarkt die Zutaten für ein delikates Essen einzukaufen. Zuhause räumte sie die Beweise der gestrigen Nacht weg und machte sich daran, das Gericht zuzubereiten. Zwei Stunden später war sie mit ihrem Ergebnis zufrieden. Sie deckte den Tisch, stellte Kerzen und Wein bereit und duschte kurz.

Noch als sie im Bad stand, meldete ihr Handy einen Anrufer. Hannah ging aus Zeitnot nicht dran, sondern hörte Minuten später die Mailbox ab.

Es war die kurze Mitteilung von Max, daß es ihm leidtäte, aber die Besprechung würde sich in die Länge ziehen, danach würde er direkt nach Hause fahren, um ein klärendes Gespräch mit seiner Frau zu führen. Er wollte sich wieder melden.

Unsagbar enttäuscht, traurig und wütend auf Max´ Geschäftskollegen und Ehefrau beendete sie die Verbindung zur Mailbox. Selbst wenn sie mit Max persönlich gesprochen hätte, würde sie ihm ihre wahren Gefühle nicht entgegenschleudern, sondern hätte verständnisvoll – aber mit enttäuschter Stimme – geantwortet. Sie glaubte seiner Entschuldigung, Gedanken an eine dritte Frau verdrängte sie ebenso wie Max´ Ehefrau Gedanken an eine Geliebte verdrängte.

Der Vorteil von seiner Frau war für Hannah, daß seine Frau stets an erster Stelle kam. Er wollte das Verhältnis auf keinen Fall auffliegen lassen, so daß Max alles tat, damit seine Frau nicht mißtrauisch wurde. Lieber versetzte er Hannah kurzfristig, als daß er Streß in seiner Familie in Kauf nahm.

Hannah wußte, daß Max es besser nicht haben konnte.

Eine Frau, die ihm den Kleinkram vom Hals hielt und seine Kinder erzog.

Eine Geliebte, die seine Wünsche erfüllte und selbst kaum Ansprüche stellte.

Egal, zu welchen von diesen beiden Komponenten es ihn zog, er konnte wählen und bestimmen.

Hannah machte sich nichts vor, sobald sie sich gegen diese unausgesprochenen Abmachungen verhielt, wäre sie ihn über kurz oder lang los. Wenn er sich nämlich zwischen den beiden Komponenten entscheiden müßte, war seine Wahl vorhersehbar. Max wußte das ebenso und nutzte diese Tatsache zu seinen Gunsten.

Trotz all dieser Gedankenspiele war Hannah sich sicher, daß Max seine Worte ihr gegenüber ernst meinte und viel für sie empfand und gerne mit ihr zusammen war. Dennoch reizte es sie immer mehr, die Frau kennenzulernen, die so viel Macht über ihn besaß. Was hatte sie und Hannah nicht?

* * *

Hannah verstieß gleich gegen zwei unausgesprochene Abmachungen: da sie nicht genau wußte, ob Max am Abend vorbeikommen würde, rief sie im Büro an. Max sagte ihr ab und äußerte sich nicht darüber, daß sie über seine Sekretärin anrief, doch Hannah wußte, daß er ihr persönlich noch einmal ausdrücklich einschärfen würde, daß Firmenanrufe verboten waren.

Nun, zumindest entschied Hannah, daß sie am Abend im Fitness-Studio seiner Frau vorbeischauen würde. Sie hoffte, daß seine Frau dort sein würde.

Hannah wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sie sie antreffen würde, daß jedoch der Besuch ein Fehler war und sie die Entscheidung, sich in Familienangelegenheiten einzumischen, bereuen würde.

Sie ging mit gemischten Gefühlen in das Studio und absolvierte ein Probetraining. Später hockte sie sich an die Theke und bestellte einen Saft. Dort lernte Hannah die Ehefrau von Max kennen. Sie hätte sie sich ganz anders vorgestellt: Sina war klein, trug ihre dunkelblonden Haare halblang und war auch von der Bekleidung ein unauffälliger Typ. Sie war nicht nur das Gegenteil von Hannah; was diese noch viel mehr erstaunte, war die Tatsache, daß Sina überhaupt nicht zu Max paßte.

Natürlich war Hannah vorbelastet, weil sie viel für Max empfand und sich innerlich gegen seine Frau eingestellt hatte. Im Gegensatz zu Sina war Max redegewandt, zog die Blicke auf sich und trug maßgeschneiderte Anzüge. Dennoch war ihr die Frau sympatisch; problemlos begannen sie eine Unterhaltung. Hannah war erstaunt, als wie offen sich Sina entpuppte. Entweder sie fühlte sich zu ihr hingezogen oder es gab wenige Menschen, mit denen sie reden konnte. Hannah war etwas unwohl zumute, sie hatte das Gefühl, Sina zu hintergehen. Sie verabschiedete sich daher schnell und als Sina nach ihrer Telefonnummer fragte, benutzte Hannah eine Notlüge und erklärte, sie würde demnächst öfter in das Fitness-Studio kommen. Gleichzeitig wußte Hannah, daß sie dort nie wieder erscheinen würde.

Als sie zuhause ankam, gönnte sie sich erneut ein Glas Wein und dachte über das Gehörte nach. Sie hatte einerseits Max völlig falsch eingeschätzt, andererseits war sie entsetzt über die Tatsachen, die Max ihr verschwiegen hatte.

* * *

Hannah war total aufgewühlt und trank gierig einige Schlucke von einem kräftigen Rotwein, um sich zu beruhigen. Langsam stellte sie immer klarer fest, daß nicht Max, sondern sie eine Entscheidung treffen mußte.

Sina hatte ihr Fotos von ihrem Sohn gezeigt. Er hieß Maximilian und wurde zum Unterschied zu seinem Vater Maxi gerufen. Allerdings hatte er von seinem Großvater – Max´ Vater – eine Krankheit vererbt bekommen und litt an Muskelschwäche. Max hatte diese Krankheit nicht, jedoch in zweiter Generation an sein Kind weitergegeben. Der kleine Maxi saß im Rollstuhl.

Hannah hatte ihn gesehen, Sina trug die Bilder mit sich. Daraus ließ sich der Vaterstolz erkennen, auf seinen kranken Sohn und seine gesunde Tochter. Sina erzählte ihr auch, daß Max die Familie über alles gehe und deutete an, daß die Kinder bei Max an erster Stelle stehen würden und erst danach die Ehefrau kam.

Damit war Hannahs vorherige Einstellung, sie käme immer an zweiter Stelle nach der Ehefrau, korrigiert: Hannah stand ihm höchstens als drittwichtigste Person nahe. Wenn überhaupt. Da war sie sich nicht mehr so sicher. Nach Sinas Aussage lief die Ehe nicht sehr gut und beide Eheleute hatten resigniert. Sie lebten hauptsächlich wegen der Kinder weiterhin zusammen.

Hannah wunderte sich allerdings über die Erzählungen, die Sina ihr freiwillig über ihren Mann gab. Fast kam es Hannah vor, als würden sie über zwei verschiedene Menschen reden. Den Max, den Sina beschrieb, kannte Hannah nicht.

Demnach war der Ehemann häuslich und ruhig. In Hannahs Gedanken lautete das auf das Eheleben bezogen:  faul und nicht sehr einfallsreich.

Hannah konnte jedoch behaupten, daß ihr Geliebter sie mit Leidenschaft überschüttete, sie verwöhnte und auch abwarten konnte, um Hannah freies Spiel zu geben.

Wer war der wahre Max? So wie er sich Hannah gegenüber verhielt oder so, wie Sina ihn beschrieb?

Hannah war sich nicht sicher, ob sie wirklich darüber nachdenken wollte. Doch mit dem Foto von Maxi im Kopf wußte sie, daß er ihr nicht vertraute. Bisher hatte Max weder etwas von seinem kranken Kind erzählt, noch hatte er die weitverbreitete Aussage, daß seine Ehe nicht mehr funktioniere und nur noch auf dem Papier bestehen würde, benutzt. Laut Auskunft seiner Ehefrau war dies jedoch die Realität. Hannah wußte nicht mehr weiter. Sicher hätte sie Max diese Aussage nicht abgenommen, dazu klang sie zu abgedroschen. Aber er ließ sie im Gegenteil glauben, daß er weiterhin die Ehe aufrechthielt mit allem, was dazugehörte. Natürlich würde Hannah Max nie auf sein Sexleben mit Sina ansprechen. Dazu hatte sie auch kein Recht.

Dennoch war sie jetzt in der Zwickmühle: sollte sie mit Max reden? Wollte sie mehr über diese unbekannte Seite in Max herausfinden?

Oder war ihr das zu anstrengend? Es gab keine richtige Zukunft mit Max, warum sollte sie sich jetzt mit seinen Problemen belasten? Sie mochte ihn so, wie sie in kannte, auch wenn er sich vielleicht verstellte. Denn Hannah war ehrlich genug, zuzugeben, daß ein Zusammenleben mit dem Max, den Sina schilderte, nicht gerade nach ihrem Geschmack war.

Ein mißtrauischer Pfeil in ihr klärte sie auf, daß Sina eventuell sehr genau wußte, wen sie vor sich hatte. Ungeschickterweise hatte Hannah ihr auf ihre Anfrage hin den richtigen Vornamen mitgeteilt, was sie jetzt bereute. Das konnte sie jetzt nicht mehr ändern, aber vielleicht wußte Sina genau in dem Moment, wen sie vor sich hatte.

Eine andere Seite in ihr schüttelte sich heftig. Sina war gutgläubig und nahm an, daß ihr Mann ebenfalls im Gewohnheitstrott steckengeblieben und unzufrieden war. Doch an eine Geliebte nebenbei dachte sie nicht. Hannah brachte sie auch nicht auf diesen Gedanken.

* * *

Als Max zwei Tage später seinen Besuch ankündigte, hatte Hannah immer noch keine Entscheidung getroffen. Zunächst wollte sie sich wie immer als Appetithäppchen zurechtmachen, doch irgendetwas blockte ihre Lust. Sie stellte sich den Ehemann Max vor, der keinen gesteigerten Wert auf Zärtlichkeiten und Aufmerksamkeit legte. Hannah überlegte, Max zu testen. Wie würde er reagieren, wenn ihre Wohnung nicht extrem aufgeräumt und sie nicht extrem sexy gestylt war?

Doch sie entschied sich für eine andere Variante, ließ das Badewasser einlaufen und zog sich den Seiden-Bademantel über. In diesem Aufzug empfing sie Max und dieser stimmte sofort freudig einem Bad zu. Hannah hatte keinen weiteren Plan, sondern ließ die Geschehnisse treiben.

Sie mußten nur zu einem Ziel führen: Hannah wollte möglichst schnell eine Klärung der Sache. Ihr lag es nicht, Beziehungen und Gefühle lange aufzuschieben. Gerade bezüglich Max hatte sie schon zu sehr einstecken müssen.

Sie wollte sich nicht noch weiter mit dem Herausfinden der Frage, als was Max sie eigentlich sah, quälen, sondern erwartete eine Antwort von ihm selbst.

Als sie aus der Wanne kamen, war das Essen natürlich kalt, doch Hannah stellte die Teller ohne Umschweife in die Mikrowelle und wärmte das Gericht auf. Nebenbei schärfte ihr Max ein, daß sie beim nächsten Mal nicht mehr im Büro anrufen solle und Hannah nickte wortlos und ergeben. Sie spürte, daß er in einer entspannten Phase war, er redete nicht viel, sondern hörte lieber ihr zu. Max verfolgte schweigend ihre Bewegungen, sie vermied einen erwidernden Blick.

Er stand nur in schwarzer Shorts bekleidet wenige Meter neben ihr, sein Körper duftete noch nach dem eben genommenen Bad und aus seinen schwarzen Haaren rannen kleine Wassertropfen, perlten an seinem Hals den Oberkörper hinunter und sammelten sich in den weichen Härchen auf seiner Brust. Seine Erscheinung wirkte auf Hannah nach wie vor ziemlich anziehend. In diesem Moment waren ihre Gedanken weit davon entfernt, über die andere Seite von Max nachzudenken. Sie flirtete mit ihm und genoß seine Reaktionen, die ihr zeigten, wie sehr er sie begehrte.

Natürlich ließ sie sich von der Stimmung mitziehen und ein ernsthaftes Gespräch fand an diesem Abend nicht mehr statt. Die Erinnerung an ihre zwiespältigen Gefühle kam erst kurz vor Mitternacht zurück, als Max sich erhob, ankleidete und nach einem kurzen Abschiedskuß zunächst aus ihrem Blickfeld und dann aus der Wohnung verschwand. Sie hörte die Tür ins Schloß fallen und war alleine.

* * *

Ein paar Abende später – sie hatte diesmal einer anderen Freundin absagen müssen – tauchte Max wieder bei ihr auf. Doch diesmal nahm Hannah sich felsenfest vor, standhaft zu bleiben und mit Max zu reden. Es nützte nichts, diese Sache vor sich hinzuschieben. Hannah hatte die letzten Tage ständig über ihn und seine Familie nachgedacht und die Rolle, die sie in seinem Leben spielte.

Sie war dabei zu einem Schluß gekommen und Hannah fragte sich, wie Max die Entscheidung aufnehmen würde. Doch zunächst überfiel er sie mit seiner gelösten, heiteren Stimmung und zog sie mit sich.

Später ruhte ihr Kopf an seiner Schulter, mit dem Finger malte sie federleicht Kreise auf seiner Brust. Sie sah, wie sich seine Brustwarzen verhärteten. Dann legte sie die flache Hand auf seinen Brustkorb und während sie seinen Herzschlag spürte, leitete sie ein ernsthaftes Gespräch ein. Hannah erzählte ihm nichts von ihrem Treffen mit Sina, sondern baute ihre Erklärungen auf der Tatsache auf, daß sie auf Dauer nicht mehr damit fertig werden würde, nur an zweiter Stelle zu stehen. Sie gab zu, daß sie das Verhältnis belastete und wartete seine Reaktion ab.

Max bat sie, nicht weiter darüber zu reden. Wenn sie Schluß machen wollte, sollte sie ihm das sagen. Er hatte dem nichts weiter zuzufügen und stand auf. Entsetzt setzte sich Hannah aufrecht und blickte ihm zu, wie er sich anzog.

Erst als er durch die Wohnung lief und seine Sachen zusammenräumte, kam Hannah wieder zu sich. Wütend rannte sie auf ihn zu und warf ihm seinen verletzenden Abgang an den Kopf. Max ließ sie stehen wie ein Spielzeug, das nicht mehr funktionierte. Vorher heiß begehrt und auf einmal achtlos liegengelassen, im wahrsten Sinne des Wortes!

Max erklärte, daß das Ende der Affäre wohl oder übel irgendwann folgen mußte. Daß dieses schon jetzt kam und durch Hannah herbeigeführt wurde, konnte er nicht ändern. Er würde ihre Entscheidung jedoch akzeptieren. Hannah kam es so vor, als wirkte er erleichtert. Das letzte, was sie von Max sah, war ein kurzer Blick direkt in ihre Augen. Sie war zu aufgewühlt, als daß sie den Ausdruck deuten konnte. Dann schloß er ohne ein weiteres Wort die Tür hinter sich.

* * *

Es dauerte einige Tage, bis Hannah realisierte, daß Max nicht wiederkommen würde und es dauerte weitere Tage, bis sie den größten Schmerz überwunden hatte. Sie konnte unternehmen, was und mit wem sie wollte; nichts lenkte sie von ihren Gedanken an Max ab.

Auch die letzten Wochen des Sommers gingen vorbei und das Wetter wurde kühler. Es begann, zu regnen und als sie eines Abends mit dem Regenschirm zur Haustür hetzte, bemerkte sie nicht den vertrauten Wagen neben dem Eingang. Erst als sie mit dem Hinderniss in ihrer Hand den Schlüssel in ihrer Tasche suchte und sich jemand unter ihren Regenschirm gesellte, blickte sie auf.

Sie starrte direkt in die dunklen Augen von Max. Zunächst leuchtete es in ihren Augen erfreut auf, doch dann hatte sie sich unter Kontrolle und Hannah fragte mit kühler Stimme, was er hier wollte. Max wollte reden, doch er erhielt die abweisende Antwort, daß er vor einigen Wochen nicht mit ihr reden wollte; jetzt gab es nichts mehr zu besprechen. Max schüttelte entschieden den Kopf und bat sie, ihn hereinzulassen. Obwohl sie gegen ihren Wunsch ankämpfte, schaffte Hannah es, ihn abzuwimmeln. Sie drehte sich im Haus nicht noch einmal um, denn sie wollte nicht sehen, wie er draußen alleine im Regen stand und ihr nachschaute.

Als sie die Wohnungstür aufschloß, klingelte es an der Tür. Sie ignorierte das Geräusch, bis es wieder schellte und gleichzeitig ihr Handy ertönte. Hannah konnte sich nicht vorstellen, daß Max vor dem Haus wie ein bellender Hund anschlagen würde, doch um eine Eskalation zu vermeiden, drückte sie den Türöffner. Sie hörte, wie eilige Schritte das Treppenhaus hinaufhetzten und kurz darauf schellte es an der Wohnungstür.

Hannah machte ihm klar, daß sie sich großzügigerweise bereit erklärt hatte, ihn hereinzulassen und gab ihm fünf Minuten für seine Worte.

Eine Stunde später hockten sie nebeneinander auf der Couch und waren heftig am Diskutieren. Max hatte ihr erzählt, daß er sich nach einem Streit mit Sina von seiner Frau getrennt habe. Er erstickte in dem Klima zwischen ihnen und beichtete Sina sein Verhältnis. Dabei erwähnte er Hannahs Namen,  Sina stutzte und erzählte ihm dann hämisch von einer Hannah, die sie ihm Fitness-Studio interessiert nach Einzelheiten aus ihrem gemeinsamen Leben befragte. Erst zu dem Zeitpunkt wurde Max klar, daß Hannah das Verhältnis nicht beendet hatte, weil sie sich in seiner Gesellschaft langweilte.

Hannah gab zu, sich mit Sina getroffen und über Max unterhalten zu haben. Zunächst entschuldigte sie sich bei Max für die unfaire Haltung, doch sie beschrieb ihm die Situation, in der sie sich befunden hatte und die sie dazu trieb, ihrem Wunsch nachzugeben, seine Frau kennenzulernen. Hannah klärte Max über ihre Verwunderung über die zwei Persönlichkeiten, die in ihm steckten auf und deutete an, daß ihr der ihr bekannte Max um einiges besser gefiel wie der von Sina beschriebene.

Der ausschlaggebende Punkt für ihre Entscheidung, die Affäre zu beenden, war jedoch die Kenntnis über den Gesundheitszustand seines Sohnes. Sie war verletzt, daß Max ihr so wenig vertraute und ihr nichts von seinem Leben erzählte, von Dingen, die ihn sehr beschäftigten.

Max verteidigte sich und hielt ihr vor, daß sie ihm den Eindruck vermittelt habe, daß sie seine familiären Probleme nicht interessieren würden. Hannah erklärte ihm, daß sie sich in Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Ehefrau niemals einmischen würde; dennoch war sie nicht nur an seinem Körper interessiert, sondern auch an allem, was ihn beschäftigte.

Er nickte und registrierte ihre Aussage, dann wollte er von ihr wissen, ob sie sich wirklich mit seinen Gedanken über die Zukunft seines kranken Kindes belasten wollte und Hannah fuhr empört auf. Erst jetzt bemerkte sie, wie falsch Max sie eingeschätzt hatte und wie wenig er sie kannte. Sie war nicht oberflächlich und begnügte sich mit der Rolle der Geliebten, um den einfachsten Weg zu wählen und sich die Probleme des täglichen Lebens vom Hals zu halten.

Hannah mußte an ihre Gedanken denken, die noch nicht lange zurücklagen. Sie dachte, daß Max es besser nicht haben konnte.

Eine Frau, die ihm den Kleinkram vom Hals hielt und seine Kinder erzog.

Eine Geliebte, die seine Wünsche erfüllte und selbst kaum Ansprüche stellte.

Egal, zu welchen von diesen beiden Komponenten es ihn zog, er konnte wählen und bestimmen.

Es traf nicht zu!

An diesem Punkt angelangt, hing jeder schweigend seinen Gedanken nach. Plötzlich war die Situation nicht nur durch Max´ Trennung von seiner Ehefrau eine andere; nun spürte jeder von ihnen, daß er von ganz anderen Vorstellungen des anderen ausgegangen war.

Max´ nächste Worte machten Hannah deutlich, daß sie den ersten Platz in seinem Leben einnehmen sollte, neben seinen beiden Kindern. Doch sie mußte sich erst an seine veränderte Einstellung gewöhnen und konnte die letzten Wochen, in denen sie gelitten und versucht hatte, ihn zu vergessen, nicht aus ihren Gedanken verdrängen. Hannah war es nicht möglich – obwohl sie sich dies wünschte – ihm glücklich um den Hals zu fallen und einen neuen Anfang mit ihm wagen.

Sie bat ihn, es langsam angehen zu lassen. Keiner drängte sie, sondern sie hatten genügend Zeit. Außerdem war die Lage zwischen ihm und Sina und den Kindern nach wie vor nicht vollständig geklärt, sondern beinhaltete noch genügend Sprengstoff.

Die Aussicht, bei Max an erster Stelle stehen zu können, beflügelte Hannah und sie würde alles dafür tun, daß diese Aussicht Realität werden würde. Es war das erste Mal während der gesamten Zeit, in der sie sich kannten, daß Max nicht kurz vor Mitternacht das Bett verließ und sich auf den Weg nach Hause machte.

Er blieb die ganze Nacht und am nächsten Morgen genoß Hannah zum ersten Mal das Gefühl, ihn ausgeruht aufwachen zu sehen und sich auf ein gemeinsames Frühstück mit Max zu freuen.

© by Ute Windeler

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16.09.2000