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Gegenwärtige Vergangenheit

Kurzgeschichte von Patricia Lucas

"Und Sie wollen wirklich das alles auf sich nehmen? Ich

möchte Sie noch einmal darauf hinweisen, daß dieses ganze

Unternehmen nicht ungefährlich ist!"

Die blauen Augen sahen mich durch die runden Brillengläser durchdringend an.

"Es können durchaus Dinge heraus kommen, die Sie gar nicht wissen möchten."

Langsam verzweifelte ich.

"Herr Dr. Augustin, ich würde hier nicht sitzen, wenn ich mir nicht absolut sicher wäre. Dr. Krook hat Sie mir als eine Koryphäe auf Ihrem Gebiet geschildert."

Meine Stimme war immer lauter geworden. Ich schluckte. All meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit rutschten die Speiseröhre hinunter und blieben als ein schwerer Kloß im Magen liegen.

"Was glauben Sie, was das für ein Leben ist? Keinem Bach, keinem Fluß kann ich mich nähern, ohne panisch zu werden. Und sobald ich nur eine Flamme sehe, bin ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs und könnte nur noch hysterisch schreien..." Leise kamen mir diese Worte über die Lippen. Ich atmete einmal tief durch.

"Es muß doch eine Ursache haben, daß ausgerechnet die beiden Elemente Feuer und Wasser mir so zusetzen.

Dr. Krook kam nicht mehr weiter und meinte, Sie hätten auf diesem Gebiet wesentlich mehr Erfahrung ..."

"Beruhigen Sie sich bitte, Frau Palmer ... Natürlich möchte ich Ihnen helfen. Allerdings sollten Sie sich auch über die Risiken vollkommen im Klaren sein."

"Kein Risiko kann so groß sein, daß es meine letzten drei Jahre aufwiegt."

"Ihre Probleme damit habe also vor drei Jahren begonnen?"

Ich nickte.

"Etwa sechs bis acht Wochen nach meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag."

Dr. Augustin machte sich Notizen.

"Mein Verlobter hatte mich zum Essen in die ‚Riverboat Queen‘ eingeladen."

Mein Gegenüber schmunzelte.

"Eine exzellente Wahl."

Gegen meinen Willen mußte ich ebenfalls lächeln und spürte, wie sich meine Anspannung etwas legte.

"Ja, ich weiß. Allerdings erlaubt unser Verdienst leider keinen häufigen Besuch. Deswegen heben wir es uns immer für ganz besondere Gelegenheiten auf. Unsere Verlobung haben wir dort ebenfalls gefeiert."

"Was passierte dann?"

Ich räusperte mich, schloß die Augen und rief mir wieder diesen Abend ins Gedächtnis.

"Wir betraten das Boot und ein Kellner brachte uns zu unserem reservierten Tisch auf dem offenen Deck. Der Tisch stand an der Reling und wir hatten einen wunderbaren Blick über den Fluß ..."

"Wann fingen Ihre Beschwerden an und wie äußerten sie sich?"

"Nun ... im Nachhinein möchte ich sagen, ich hatte schon ein komisches Gefühl, als ich das Boot betrat. Aber es war nur so ein leichtes, unbehagliches Ziehen im Magen. Nichts, dessen man im Alltag Aufmerksamkeit schenkte. Schlimm wurde es, als wir unsere Bestellung aufgegeben hatten und auf das Essen warteten. Aus dem leichten Unwohl-Gefühl wurde von Minute zu Minute ein Angstgefühl. Und sobald ich auf den Fluß blickte, schnürte es mir die Kehle zu. Ich konnte keine Luft mehr holen."

"Es war wirklich das erste Mal, daß diese Phobie auftrat?"

"Ja, ich hatte niemals irgendwelche Probleme mit dem Wasser. Ich war in der Schule eine sehr gute Schwimmerin, Urlaub am Meer ... alles ohne Probleme."

"Hm-mh, und dieser Zustand hat sich inzwischen verstärkt?"

Ich lachte kurz auf.

"Verstärkt ist gut! Inzwischen brauche ich nur von weitem einen Bach oder einen Fluß zu sehen, dann bekomme ich keine Luft mehr, schlage um mich und habe einen regelrechten Black-out. Irgendwelche Stege oder Brücken zu überqueren ist vollkommen unmöglich."

"Interessant! Und wie äußerten sich ihre Ängste mit dem Feuer?"

Dr. Augustin drehte seinen Füllfederhalter zwischen den Fingern und beobachtete mich aufmerksam.

"Einige Tage nachdem das Theater mit dem Wasser losging. Das Schema war fast das Gleiche. Anfängliches Unwohlsein, wenn ich irgendwo eine Flamme sah. Egal ob eine Kerze brannte oder sich jemand eine Zigarette anzündete. Ich spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, von den Füßen ausgehend. Inzwischen bekomme ich eine knallrote Haut und ebenfalls Erstickungsanfälle, wenn ich auch nur die kleinste Flamme sehe."

Ein schiefes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich mich einer Szene vor einigen Wochen erinnerte.

"Als sich mein Chef eine Zigarette bei einer Konferenz anzündete, habe ich ihm ein volles Glas Wasser ins Gesicht geschüttet. Gott sei Dank nahm er es mit Humor ... Aber Sie sehen nun, daß mein jetziger Zustand nicht mehr akzeptabel ist."

"Natürlich, das verstehe ich!"

Dr. Augustin nahm seine Brille ab und rieb sich mit den Fingern über den Nasenrücken.

"Bitte, legen Sie sich dort drüben hin. Als Kontrolle, und später auch für Sie selbst, werde ich während der ganzen Sitzung ein Tonband mitlaufen lassen."

Ich nickte, erhob mich und ging zu der weißen Liege hinüber.

"Bitte machen Sie es sich ganz bequem."

Während Dr. Augustin sein Tonbandgerät aufbaute, die Lamellenjalousie soweit zuzog, daß ein angenehmes Dämmerlicht im Raum entstand, lockerte ich den Gürtel und öffnete den Hosenbund. Dann schloß ich meine Augen.

Dr. Augustins Stimme klang nun leise und berieselnd in meinem Kopf wieder.

"Sie fühlen sich wohl ... sie spüren Ihren ganzen Körper ... und bei jedem Einatmen ... erfüllt Sie eine angenehme Wärme ... bei jedem Ausatmen ... atmen Sie Spannung aus Ihrem Körper ... Solange ... bis Sie merken ... das Sie ganz locker sind ... bis keinerlei Spannung mehr in Ihrem Körper ist ... ein ... aus ... ein ... aus ..."

Während mich eine wohlige Wärme durchflutete, spürte ich, wie sich jede Muskelfaser entspannte. Meine Hände und Füße fühlten sich auf einmal riesengroß an.

"Sie fühlen sich sehr wohl ... sie fühlen sich wie auf einem weichen Wattebausch liegend ... und dieser Wattebausch sinkt nun mit Ihnen in die Tiefe ... in eine friedvolle, warme Schwärze ... Sie sinken immer tiefer und meine Stimme wird Sie beschützen und begleiten ... Sie sinken solange in die Tiefe, bis Sie auf das Ereignis stoßen, das mit Wasser oder Feuer zu tun hat ..."

Die Dunkelheit umgab mich wie einen Schutz. So ähnlich muß sich ein Baby im Bauch der Mutter fühlen, schoß es mir durch den Kopf, während ich immer noch als Hintergrundberieselung die Stimme von Dr. Augustin hörte. Bunte Bilderfetzen zogen an meinem Auge vorbei. Sehr schnell und für mich nicht der Mühe wert, sie zu identifizieren. Plötzlich wurden die Bilder langsamer. Ich sah mich selbst und fühlte mich doch in diesem Körper als Persönlichkeit. Gleich, als wenn ich einen Film beobachten und trotzdem die Hauptrolle spielen würde.

"Sie sind angekommen?"

"Ja!"

"Wo sind Sie?"

Ich sah mich um. Ein staubiger Weg zog sich zwischen Weiden an einem Fluß entlang.

"I geh am Limmat entlang, in die Stadt?"

"Welche Stadt?"

Ich lachte, wie konnte diese Stimme nur so eine alberne Frage stellen.

"Na, Zürich ... kennst net die Stadt?"

"Doch natürlich kenne ich die Stadt. Wie heißt du?"

"Gretel .... eigentlich Annegret, aber all sagens Gretel oder Schwarzbauer Gretel zu mir."

"Wie alt bist du Gretel? Ich darf doch Gretel zu dir sagen?"

"Jo, warum net ... 27 bin i vor einigen Wochen g’worden."

"Erzähl mir von dir Gretel."

"Was woist wissen?"

"Alles, was du mir erzählen magst. Bist du verheiratet?"

"Na, Witfrau ... der Karli ist vor drei Jahren umkomme. Ließ mich mit fünf Kinder z‘ruck."

"Der Karli, war das dein Mann?"

"Jo!"

"Was für ein Jahr schreiben wir?"

"Was stellst’n du für komische Fragen? Woher kommst’n überhaupt? Wie sprichst’n du eigentlich?"

"Ich bin ein Fremder hier ... nur zu Besuch."

"Ah so."

"Sagst du mir jetzt, welches Jahr wir haben?"

Ich lachte.

"1756 ... oder gibt’s in deinem Land a anderes?"

"Nein, nein ..., es ist dasselbe. Wie kommst du den nun über die Runden mit deinen Kindern?"

"Na ... das sag ich dir net, des is indiskret."

"Nun komm schon Gretel, ich bin fremd und schon am Abend wieder aus der Stadt. Mir kannst du es erzählen."

Ich zögerte, dann lachte ich wieder.

"Also guat ... der Kulechner Gerdi kommt mi manchmoil besuchen."

"Ist das der Metzger von Zürich?"

"Na, Kürschnermeister is er, und Innungsmeister aa ... Im Herbst will er mir nen schönen Mantel schenken ... Ist scho a großzügiger Mann. Sorgt dafür, daß Kinder und i net darben."

"Also ist er verliebt in dich?"

"Jo ... a bisserl scho ..."

"Dann werdet ihr bald heiraten?"

"Naa, der Gerti ist scho verheiratet ... bin bloß die Buhl ..."

"Und es belastet dich nicht?"

"Iwo ... Kinder und mir geht’s guat."

"Bekommt er keinen Ärger mit seiner Frau?"

"Naa ... di mußt er heirate, domit er sich hier Niederlasse konnt. Inzwischen is se mer in de Kirchen wie dohoam."

Ein vergnügtes Glucksen kam heraus.

"Was erfreut dich so?"

"Na em Gerti sei Fräle ... muascht emohl gsehe habe. Sieht aus wie a Butterfaß ... dünne Bää, een Arsch wie en Dragonergaul und owwerauszu a Figurle wie a jungs Mädele. Und dann ä Gsicht, als wenn se jeden Tag Sauermilch esse muaß. Aber gell ... du verrotscht mi net, daß ich des gsagt hab?"

"Keine Angst Gretel ..."

"Danke ... du biascht awwer a Netter."

"Vielen Dank für das Kompliment."

"Was wahr ist darf ma a sage. So, aber jetzt muschte gehe. Do vorne ist der Markt und die Klatschweiber zerfuseln sich schon genug die Meiler über mi. Außerdem sieht’s der Gerti gar net gern, wenn ich mich mit annere Männer unnerhalt."

"Keine Angst, außer dir sieht mich keiner."

Ich wurde mißtrauisch.

"Wirklich net? Wie machst du des? Bischt gar en Hexemeister?"

"Nein, ist ein ganz einfacher Trick. Ich zeig ihn dir später. Oder beachtet mich jemand?"

Ich schaute mich um.

"Na, koaner guckt. Des is aber luschtig."

Am anderen Ende vom Markt schwoll Lärm an.

"Jo, was is den des?"

"Was denn?"

"Na, der Auflauf dort ... schau, die Ettl Leni ... und die Peltzer Marlies is a mittendrin."

"Was ist mit denen?"

"Die Leut schreien, es wären Hexen ... ja spinnens den jetzt die Leut‘."

Auf einmal schob sich die Menschenmasse auf mich zu.

"Naa ... loaßt mi in Ruah ... ich bin koa Hexn. Händ weg!"

"Keine Angst, die können dir nichts antun. Ich bin bei dir. Du bist in Sicherheit. Du spürst jetzt nichts mehr und erzählst mir einfach, was du jetzt siehst."

"I hoab Angst ... Em Büttel sei Frau, die dick Potter, stachelt alle auf. Ich wär auch a Hexn. Männer dät i des Nachts in mei Haus locken und verzaubern."

"Was passiert jetzt?"

"Die machen die Hexenprüfung mit uns. Sie bringen uns auf die Brücke über dem Limmat. Jetzt ziehen sie uns aus bis auf die nackte Haut. Die Marlies heult. Händ und Füß binden sie uns zusammen, dann ziehn sie uns die Arme übers Knie und schieben einen Stecken dazwischen. Die Marlies werfen sie als erstes runter."

Ich weinte.

"Mei Kinder, was wird bloß aus mei Kinder ..."

"Keine Sorge, deinen Kindern geht es gut. Ich werde nach ihnen sehen. Wie geht die Hexenprüfung vor sich?"

"Wenn ma bis zum End von der Stadt net unnergeht, hot der Deifel sei Hand im Spiel ... I hab Angst ... Jetzt is die Leni dran ... Glei kumm i!"

"Und wenn man untergeht?"

"Dann wars en Irrtum un du kriegscht a christliches Begräbnis auf’m Friedhof. Naaaaa ... um Christi Willen ... loaßt mi..."

Ich schrie auf. Wasser schoß mir in Mund und Nase. Ich versuchte, die Luft anzuhalten. Dann drehte ich mich um die eigene Achse. Manchmal gelang es mir, dabei etwas Luft zu schnappen. Endlich holten sie mich in den Kahn. Röchelnd und hustend schnappte ich nach Luft.

"Deifelsweib ... Hexenbrut ... Dämonenhur!"

Langsam sah ich wieder etwas. Marlies und Leni lagen neben mir im Kahn. Ihre Augen waren leblos und gebrochen. Als der Kahn am Ufer auffuhr, zog mich die Masse heraus. Ich kannte fast alle. Sie zerrten mich auf den Rabenhügel. Dann banden sie mich an den Pfahl. Dreckbollen und Steine trafen mich.

"I bin koa Hex‘, i schwörs auf die Dreifaltigkeit, i bitt euch ... i bins net ..."

Ununterbrochen wiederholte ich die Worte. Reisigbündel wurden um mich gestapelt. Von einem Karren brachte jemand ein kleines Fäßchen Pech ...

"Sie kommen jetzt zurück ..."

"Na, i koa net!"

"Doch, Sie können ... Sie brauchen nur meiner Stimme zu folgen ..."

"Was moanst ... I versteh‘ di net ... alle sans so laut ... Naa, tust die Fackel weg ... bitte, habts doch Mitleid mit mir ... Hab doch koaner Seel was doa ... Net s‘Feuer ...

Naa ..."

Ich schrie ... Pech klebte an meinen Beinen. Gierig fraßen sich die Flammen durch die Reisigbündel. Rauch umhüllte mich, ich hustete und keuchte. Irgendwo im Gejohle der Menge hörte ich die Stimme des Fremden ... Ich verstand seine Worte nicht ... Mein Kopf wurde schwer. Es roch nach verbranntem Fleisch. Schreien, Schmerz ...

© by Patricia Lucas

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26.08.2000