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Leben, so gut es eben geht

Kurzgeschichte von Torsten Schulz

Tom lag wach in seinem Bett. Er hörte den gleichmäßigen Atem seiner Schwester, die das Zimmer mit ihm teilte. Sie würde wohl weinen, aber nach einem halben Jahr würde sie bloß noch daran denken, ohne etwas zu empfinden. Sie würde das, ohne es zuzugeben, ganz angenehm finden, so wie Tom es auch angenehm finden würde. In er Schule würde er eh keine Lücke hinterlassen. Wer würde ihn da wohl vermissen? Niemand, dachte Tom, niemand wird dich vermissen. Keine Woche dauert das, und keiner spricht mehr von dir. Höchstens mal ein „ Weißt Du noch“, das wäre alles.
Deinem Vater würde es sehr nahe gehen, vor allem das Warum. Warum tut sein Sohn so etwas? Aber auch er müßte sich daran gewöhnen und würde es schaffen, und Mutter genauso.
Es wurde immer klarer für Tom. Es gab niemanden, für den Tom wirklich wichtig war, niemandem würde es etwas nehmen, dauerhaft etwas nehmen. Und Tom konnte es ihnen nicht verdenken. Was sollten sie anderes tun?
Also hatte es gar keinen Sinn. Wenn er jetzt in die Küche ginge, Mutters scharfes Kartoffelschälmesser nähme und sich die Pulsadern aufschnitte, außer Tränen und Geld für die Bestattung würde es niemanden etwas kosten. Gewiß, sie würden traurig sein, aber wie lange? Und er konnte es ihnen nicht verdenken. Es war ganz klar für Tom.
Und was würde er versäumen, wenn er seinem Leben jetzt mit dreizehn Jahren ein Ende bereitete? Da würde sicher viel Erfreuliches passieren in seinem Leben, aber das wog genauso viel wie die Trauer, die seinetwegen sicher auch herrschen würde: nichts. Was konnte er wirklich verlieren?
Es wäre also nur noch eine Frage des Wie. Tabletten, Strom oder Messer. Sonst hatte er keine große Auswahl.
Du siehst das ganz nüchtern, sagte er sich. Wenn Du es tust, geht das Leben für alle weiter, du bist nichts, völlig unwichtig. Das ist eine ganz klare Sache.
Tom bekam Angst. Diesen Gedanken zu Ende zu denken war bedrückend. Und er konnte mit niemandem darüber reden, und er ahnte, daß er es tun könnte, weil es eine logische Folgerung aus seinen Überlegungen war. Er ging an die Tür des Zimmers in dem seine Eltern fernsahen. Er hörte Stimmen und konnte durch das Schlüsselloch den Bildschirm sehen. Hineingehen mochte er nicht, weil es ihm unmöglich schien, seinen Eltern zu erklären, warum er jetzt nicht schlafe. Er blieb dort eine ganze Weile. Es zerstreute ihn, lenkte ihn ab.
Und Tom wußte jetzt, daß das Leben für ihn keinen Sinn hatte, es aber trotzdem eine Kraft gab, die ihn zum Leben zwang. Und darum wollte er leben. Er wollte leben so gut es eben ging.


© by Torsten Schulz.

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28.05.99