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Selbstbetrug

Kurzgeschichte von Lukas Krüger

Der Wind zerrt an meinem Umhang und zerzaust meine Haare. Ich stehe am Rand des Hochhausdaches und schaue hinab auf die nächtliche Metropole. All diese Menschen, tief unter mir, die selbst um diese Zeit nicht zur Ruhe kommen... Ich habe gelernt, den Hass auf sie zu unterdrücken, so dass nur eine leichte Abneigung zurückbleibt. Wahrscheinlich ist diese Fähigkeit notwendig, wenn man die Gabe besitzt, die ich habe. Die Gabe, die Seele eines Menschen zu spüren. 

Man könnte meinen, diese Fähigkeit sei etwas gutes, aber dem ist nicht so. Es schmerzt, in die Seele eines Menschen zu schauen, denn innerlich sind alle Menschen gleich. Trotzdem tue ich es immer wieder, ich weiß selbst nicht wieso. Und ich finde stets dasselbe. Egal, wie das Äußere eines Menschen beschaffen sei (und mit dem Äußeren meine ich auch sein Verhalten, sein Auftreten), im Inneren ist er immer ein Egoist, der bereit ist, alles zu tun, nur um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Das Äußere ist immer nur eine Fassade, eine Maske, eine Illusion. Die meisten Menschen sind sich darüber nicht einmal im klaren. Wenn sie Gutes für andere tun, dann doch nur, um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen, oder um sich damit brüsten zu können. Wenn ein nahestehender Mensch gestorben ist, trauern sie nicht um ihn, sondern nur um den Verlust, den sie selbst erlitten haben. Und jeder Mensch meint, das Bild, das er sich aus seinen Wahrnehmungen und den Schlußfolgerungen daraus zusammenbaut, entspräche der wirklichen Welt. Das ist es, was ich Egoismus nenne. Und dafür hasse ich die Menschen. 

Ich weiß nicht, welcher meiner Fehler größer war: Dass ich all die Jahre lang nie den Versuch gemacht hatte, in meine eigene Seele zu schauen, oder dass ich es vor wenigen Stunden nun doch getan habe. Was ich erwartet hatte zu finden, spielt keine Rolle: Ich fand, dass es innerlich keinen Unterschied zwischen ihnen und mir gibt. Ich bin ein Egoist wie jeder andere, so lautete meine schmerzvolle Erkenntnis. Nichts weiter als ein vernünftiges Tier. Ich fand all die Dinge, die ich an den anderen so hasse, und hasse mich nun dafür selbst. 

Ich könnte einen einzigen Schritt tun, und all das wäre zuende. Einen Schritt nach vorn, 14 Stockwerke senkrecht nach unten, Endstation. Doch ich weiß, das ich es nicht tun werde. Ich habe es niemals wirklich in Betracht gezogen. Manche Leute würden mir jetzt sagen, Selbstmord sei keine Lösung, aber das ist nicht wahr. Es ist eine endgültige und vollständige Lösung, aber nicht die einzige. Denn ich kenne eine andere. Ich schließe meine Seele und verberge sie, tief in meinem Inneren, wo niemand sie findet. Am allerwenigsten ich selbst. Langsam gehe ich zum Treppenhaus. Vor mir die offenstehende Tür: wie eine unausgesprochene Einladung, hindurchzugehen, und alles hinter mir zu lassen. Als ich sie erreiche, spüre ich meine Seele nicht mehr, obwohl ich weiß, dass sie immer noch da ist. Ich schließe die rostige Tür hinter mir und gehe langsam die Treppe hinab. Mit jeder Stufe zwinge ich mich, zu vergessen. Ich töte meine Gedanken, vergifte sie mit den scheinbaren und flüchtigen Dingen dieser Welt. Ich erwürge meine negativen Gefühle, bis da nichts mehr ist. Die vergilbten Kunstdrucke im Treppenhaus, die laute Musik aus einer halboffenen Wohnungstür, der Geruch nach Essen: all dies hilft mir, mich abzulenken von mir selbst, von dem, was mich so quält. 

Als ich aus der Eingangstür hinaus auf die Straße trete, bin ich ein anderer Mensch. Ich spiele das große Spiel mit, genau wie alle anderen. Ich werde niemals wieder in die Seele eines Menschen schauen. Ich werde glauben, was ich mit meinen Augen sehe, und mir daraus ein Weltbild bauen. Und auf einmal ist die Welt schön. Es gibt keinen Grund mehr, all die Menschen zu hassen. Auch nicht mich selbst. Ich werde glücklich sein. Wenn ich nur fest daran glaube, glücklich zu sein, dann bin ich es auch.

© by Lukas Krüger

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06.02.2002