Kurzgeschichten    Gedichte    Krimis    Fantasy    Kinder    Buchtips

www.Kongolo.de

Dein Buch im Internet

_________________________________________________________________________

Der Mann, der zur Kartoffel wurde

Kurzgeschichte von Martina Blumenroth

Mein alter Freund Jonathan Tremont und ich, wir gehoeren der Vereinigung pensionierter Lehrer in einer freundlichen Kleinstadt im Staate Idaho, USA an.

Er ist schon sehr lange dabei, waehrend ich gerade erst aus dem aktiven Schuldienst ausgeschieden bin. Als Pensionaer kann man sich sehr schnell einsam und ueberfluessig fuehlen. Entweder man hat eine verstaendnisvolle Ehefrau, die einen mit in den Haushalt einbezieht und zu beschaeftigen weiss, oder man sucht sich ein erfuellendes Hobby. Ich hatte das Glueck, dass mir ersteres zuteil wurde.

Die Frau meines Freundes war schon lange gestorben und so widmete er sich seit nunmehr fuenfzehn Jahren dem sinnvollsten und schoensten Hobby, das man sich hier vorstellen kann: der Kartoffelzucht.

Wie jedermann weiss und deshalb erwaehne ich es nur am Rande, ist Idaho beruehmt dafuer, die besten Kartoffeln der Welt zu zuechten. Sie sind, abgesehen von ihrer stattlichen Groesse und schoenen Farbe, die aromatischsten, die je ein Acker hervorgebracht hat. Wir sind sehr stolz darauf.

Seit ich nun also pensioniert bin, habe ich doch nicht immer Lust, einkaufen zu gehen, oder den Rasen zu maehen. Arbeiten, die meine verstaendnisvolle Ehefrau nun mir ueberlaesst. So schlendere ich denn ab und zu zum Haus meines Freundes. Er wohnt am Ende der Strasse und hinter seinem Haus hat er den groessten Teil seines Rasens in einen Acker verwandelt und der Kartoffelzucht gewidmet. Nebenan steht ein Treibhaus, das er erst kuerzlich selbst gebaut hat. Ich muss dazu sagen, dass mein Freund Jonathan Tremont zu einiger Beruehmtheit gelangt ist. In den letzten acht Jahren war er es gewesen, der auf den beliebten Landwirtschaftsausstellungen jeweils den ersten Preis fuer die dickste Kartoffel mit nach Hause brachte.

Bei einem meiner zahlreichen Besuche verriet er mir ein bisher strengstens gehuetetes Geheimnis unter der Bedingung, dass ich, was auch immer geschehe, es niemals verraten duerfe. Ich versprach es und er zog mich hinaus in sein Treibhaus. Er verschloss die Tuer und winkte mich in die hinterste Ecke.

Verschwoererisch senkte er die vor Aufregung zitternde Stimme zu einem Fluestern. " Aber dass Sie mir nichts verraten, unter gar keinen Umstaenden! Die Sache ist revolutionaer. Meine Erfindung wird die gesamte Kartoffelindustrie Idaho’s, nein, der ganzen Welt bereichern, ach, was sage ich. Auf den Kopf stellen! Wie gesagt, revolutionieren! Sehen Sie, lieber Freund!"

Er schloss eine Schublade auf und entnahm ihr ein kleines Glasflaeschchen.

Die Fluessigkeit darin hatte die Farbe von, ja wie soll ich sagen? Von dunkelgrauem Schmutz. So, als haette er die Ecken seines Hauses ausgekehrt und den gesamten Dreck mit Wasser vermischt in dieses Flaeschchen gefuellt. Er entkorkte es und sagte: "Probieren Sie es, mein Freund." Entsetzt wich ich zurueck. " Vielen Dank, aber ich...", " Ach was", unterbrach er mich. " Probieren Sie schon. Es schmeckt hervorragend, einfach aussergewoehnlich und es ist voellig ungiftig."

Er tauchte seinen Finger hinein und steckte ihn in den Mund. " Koestlich, einfach umwerfend", stellte er fest. Vollkommen unsicher, auf was ich mich da einliess, benetzte ich nur die Fingerspitze. Sodann liess ich den kleinen Tropfen der ekligen Fluessigkeit auf das aeusserste Ende meiner Zunge tropfen. Mein Freund lachte mich aus. " Nun machen Sie schon. Wie schmeckt es?" Ich verteilte das Gebraeu im Mund. Was soll ich sagen? Eine innere Erregung packte mich. Niemals zuvor hatte ich etwas Derartiges gekostet. Es war ein Genuss sondergleichen. Suess und herzhaft zugleich, dabei mild und im Hintergrund sogar etwas nussig. Es war unvergleichlich. Tremont schaute mich erwartungsvoll an. " Na, was ist" - " Unbeschreiblich! Das ist das Beste, was ich je probiert habe. Ein unvergleichlicher Genuss! Was zum Teufel ist das?", wollte ich nun wissen.

" Ich dachte schon, Sie wuerden nie fragen, lieber Freund. Dies ist mein Geheimduenger!" - " Duenger?", fragte ich unglaeubig. " Tremont, wenn Sie das Zeug in Flaschen abfuellten und verkauften, Sie waeren in kuerzester Zeit Millionaer. Man wuerde es Ihnen aus der Hand reissen!" Aber er hatte Einwaende.

" Nein, nein,nein. Ich habe etwas anderes damit vor. Ueberlegen Sie mal. Dies ist ein spezieller Kartoffelduenger. Ich bespruehe regelmaessig den Acker und die Kartoffeln nehmen einen guten Teil des Geschmacks an. Dazu wachsen Sie schneller und werden noch groesser als meine bisherigen Siegerexemplare."

"Fantastisch", erwiderte ich begeistert. " Eine solche Kartoffel hat es selbst in Idaho noch nicht gegeben. Und dann verkaufen Sie den Duenger and andere Farmer?", warf ich ein, aber mein Freund war in dieser Beziehung unschluessig.

"Ich bin mir noch nicht sicher. Ich habe ihn gerade erst fertiggestellt und erste Versuche unternommen. Ich brauche einen Langzeitversuch, bevor es ans grosse Geldverdienen geht. Sie verstehen? Bitte zu keinem Menschen ein Wort!"

Ich versprach es und ging nach Hause. Es fiel mir schwer, meiner Frau nichts davon zu erzaehlen. Abends im Bett konnte ich nicht schlafen und waelzte mich von einer Seite auf die andere. Gedanken von Siegerpokalen, staunenden Gesichtern und nicht zuletzt von unermesslichem Reichtum verhinderten meinen Schlaf in den naechsten Naechten. Schliesslich beobachtete ich eine langsam aufsteigende Regung in mir, die ich sehr gut kannte. Der Neid kroch mir in alle Glieder und erfuellte zuletzt mein ganzes Wesen. Ich stellte mir vor, diese Erfindung waere mir gelungen. Alle Ehrungen wuerden mir zufallen und wenn ich so ueber die Rente eines pensionierten Lehrers nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass ich das Geld sehr gut gebrauchen konnte. Ich besuchte Tremont nicht mehr so oft, sondern beobachtete seine Arbeit auf dem Acker von fern. Wenn es dunkel wurde, schlich ich zu seinem Grundstueck, um irgendetwas z entdecken, das meiner Neugier und meinem Neid neue Nahrung geben konnte. Einmal erwischte er mich abends an seinem Treibhaus, doch da er nichts argwoehnte, war er lediglich ueberrascht.

Er bat mich herein und bot mir ein Glas seines Duengers an. Er verriet mir, dass er sich ab und zu ein Glas von diesem hrvorragenden Zeug genehmigte. Unsere Gespraechsthemen kreisten um allgemeine Dinge, wiewohl ich immer wieder versuchte, ihn auf sein Hobby anzusprechen. Ich war begierig zu wissen, welchen Fortschritt seine Kartoffeln machten. Er vertroestete mich und ich hatte das Gefuehl, dass er mir auswich. " So eine Sache braucht Zeit, mein Lieber. Es tut sich noch nichts." Selbstverstaendlich glaubte ich ihm nicht. Irgendetwas musste doch passieren. Er war die meiste Zeit des Tages im Treibhaus. Was trieb er da?

Aber ich durchschaute ihn. Er konnte mir nichts vormachen. Natuerlich wollte er das Geld und den Ruhm fuer sich. Der Alte wollte nicht mit mir teilen. Das war es.

Ich gab mir Muehe, meine Ungeduld und meine Neugierde zu verbergen. Schliesslich verliess ich ihn. Nichts hatte ich erfahren und kochte innerlich vor Wut.

An Schlaf war wiederum nicht zu denken. In meiner Vorstellung erntete er bereits die groessten und besten Kartoffeln, die die Welt je gesehen hat. In meinen Wachtraeumen wurde er reich und reicher, geehrt und hochgelobt. Ich stand am Rande und er sah veraechtlich grinsend auf mich herab. " Haetten Sie sich nur beizeiten ein sinnvolles Hobby zugelegt, mein Freund", hoerte ich ihn hoehnen.

Mein Neid steigerte sich zur uebelsten Missgunst, bis ich ihm voller Hass alles erdenklich Schlechte wuenschte.

Schlagartig hielt ich in meinen Gedanken inne. Hatte er sich nicht irgendwie veraendert? Sah er nicht kraenklich aus? Ich dachte jetzt angestrengt nach und rief mir seine aeussere Erscheinung wieder ins Gedaechtnis. Etwas war anders gewesen. Sicherlich war ich zu sehr mit mir selbst beschaeftigt gewesen, als dass ich bewusst etwas an ihm wahrgenommen haette. Eine Weile gruebelte ich noch, dann fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

In den naechsten Tagen geschah nichts Besonderes, bis mich meine Frau eines Vormittags aus meinen muerrischen Gruebeleien riss. " Hast du den armen Jonathan gesehen? Er sieht ja furchtbar aus. Weisst du, was ihm fehlt?" Traege antwortete ich, dass ich es nicht wuesste und es mich auch nicht interessierte- aber halt!

Er sah furchtbar aus? Meine Frau stand aergerlich in der Tuer und musterte mich unzufrieden. " Ich dachte, Jonathan und du, ihr seid Freunde. Was ist los? Habt ihr Streit?" - "Nein, nein", beruhigte ich sie. Ich war aufgestanden und ging zu ihr hinueber. " Ich war gerade mit den Gedanken woanders. Entschuldige. Ich weiss wirklich nicht, was ihm fehlt. Ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Wie sieht er denn aus?" Nun beschrieb mir meine Frau Jonathan Tremont’s seltsam verformte Nase. Sie sei irgendwie dicker geworden und hatte eine haessliche rotbraune Farbe angenommen. Auch sein Gesicht sei angeschwollen und er atmete schwer. Sie war ihm aus dem Weg gegangen, da sie eine ansteckende Krankheit befuerchtete. Seine Nase! Seine Nase war mir aufgefallen, an dem Abend als er mich am Treibhaus erwischt hatte. Sogleich stuerzte ich die Treppe zu unserem Schlafzimmer herauf und nahm mein Fernglas aus der Schublade. Aus der kleinen Luke auf unserem Dachboden konnte ich genau in seine Kueche spaehen.

Ich stellte das Glas scharf und suchte das Zimmer ab. Ich hatte Glueck. Dort am Kuehlschrank stand er. Er oeffnete ihn und nahm etwas heraus. Ja, ich erkannte das Flaeschchen mit dem Duenger. Hastig schraubte er es auf und stuerzte die Fluessigkeit hinunter. Seine Haende zitterten. Ich traute meinen Augen kaum. Er sah schlimm aus. Seine Nase, nein sein ganzes Gesicht sah aus wie, wie..., mein Gott!

Er sah aus wie eine Kartoffel. Seine Haut an den Haenden war die einer Kartoffelschale. Entsetzt nahm ich das Fernglas von den Augen. Welche schreckliche Krankheit konnte ihn so veraendert haben? Ein kalter Schauer lief mir ueber den Ruecken. Dies war keine Krankheit, nein, Jonathan Tremont war nicht krank. Ich schauderte bei dem Gedanken, der mir jetzt kam. Er trank regelmaessig, vielleicht sogar suechtig geworden von seinem selbstgebrauten Kartoffelduenger, und nun? Ich wagte kaum, den Gedanken zu Ende zu bringen, aber es war offensichtlich: Er verwandelte sich langsam in eine Kartoffel!

An den folgenden Tagen beobachtete ich angstvoll mein eigenes Aeussere genauestens im Spiegel. Jedes Pickelchen, jede kleine Unebenheit verursachten in mir schweisstreibende Panik. Ich hatte zweimal von dem Zeug getrunken und meine uebersteigerte Nervositaet spiegelte mir die grausigsten Verwandlungsszenen vor mein geistiges Auge. Ich verbot meiner ueberraschten Frau, die viel von ihrem Verstaendnis verloren zu haben schien, strikt Kartoffeln zu kaufen und sie in einem Gericht zu verwenden. Ja, allein das Wort "Kartoffel" stuerzte mich tiefer in meine seelische Krise. Dieser bemitleidenswerte Zustand hielt an und ich begann diesen Giftmischer Jonathan Tremont dafuer verantwortlich zu machen.

Ich schloss mich jetzt jeden Tag mit meinem Fernglas auf dem Dachboden ein, um zu beobachten, wie es ihm immer schlechter ging. Jedesmal, wenn er in seine Kueche kam, hoffte ich, eine noch schlimmere Veraenderung seines Aussehens feststellen zu koennen. Boesartig kicherte ich in mich hinein, wenn er sich gebueckt durch das

Zimmer schleppte, immer mehr zur Kartoffel werdend. Er sollte buessen! Dafuer, dass er mich uebervorteilen wollte, dafuer, dass er den Ruhm und das Geld fuer sich allein haben wollte, dafuer, dass er den Hochmut besessen hatte, die schmackhaftesten Kartoffeln der Welt noch verbessern zu wollen.

Zwei Tage spaeter ging ich vergeblich auf den Dachboden.

Ich wartete ueber eine Stunde, doch er erschien nicht ein einziges Mal in der Kueche. Am Abend fragte ich meine Frau, die mir gegenueber nicht mehr sehr gespraechig war, ob sie etwas von Tremont gehoert hatte. Kurz angebunden schlug sie mir vor, ihn anzurufen, um mich selbst nach seinem Befinden zu erkundigen. Ich entschied mich jedoch dafuer, die Dunkelheit abzuwarten, um mich dann zu seinem Garten zu schleichen. Das Haus lag still und dunkel da. Vorsichtig kletterte ich ueber den Zaun und ging zuerst zum Treibhaus. Nichts ruehrte sich. Die Tuer war abgeschlossen. " Typisch Tremont", dachte ich. " Bei deinen schaendlichen Laborversuchen soll dich keiner ueberraschen." Ploetzlich spuerte ich eine Beruehrung an meinem Bein. Ich erschrak furchtbar und schaltete meine Taschenlampe an. Eine durch den Lichtstrahl geblendete grosse Katze verschwand schnell im Gebuesch. Es war mir nie aufgefallen, dass Tremont eine Katze besass. Mit Herzklopfen wandte ich mich nun dem Haus zu. Leise klopfte ich an die Tuer.

" Tremont, Sind Sie da?", fluesterte ich. Es kam keine Antwort und nervoes fingerte ich an der Tuer herum. Sie war nicht abgeschlossen und so stahl ich mich in sein Haus. Mehrfach wiederholte ich seinen Namen in die Dunkelheit. Nichts.

Vorsichtig ging ich die Treppe hinauf zu seinem Schlafzimmer. Sein entsetzliches Aussehen immer vor Augen, erwartete ich jeden Moment den Schrecken, ihn ploetzlich vor mir zu sehen. Doch auch sein Bett war unberuehrt. Es kam mir nun zum Bewusstsein, dass er nicht zu Hause war. Aber weit konnte er doch in seinem Zustand nicht sein. Das letzte Mal, als ich ihn mit meinem Fernglas beobachtet hatte, kam er kaum noch von der Stelle. Jetzt machte ich Licht im Haus und ging zur Kueche hinunter. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Ich starrte auf den Kuechentisch und mein Atem stockte. Auf der Seite, wo Tremont immer gesessen hatte, lag eine riesengrosse, braune, unfoermige Kartoffel. Meine erste Reaktion haette ein Aussenstehender sicherlich als laecherlich bezeichnet, doch fuer mich war die Situation offensichtlich. " Tremont?", fragte ich, die Kartoffel anstarrend.

" Jonathan, koennen Sie mich verstehen?" Ich machte einen Bogen um den Tisch.

Die Kartoffel hatte die unglaubliche Groesse einer Wassermelone, aber sie war haesslich und unfoermig. Mit zitternden Fingern beruehrte ich sie. Es war keine Erde daran, sie war vollkommen sauber. Also kam sie nicht vom Acker. Vorsichtig nahm ich sie in die Haende und fuehrte sie an meine Lippen. " Jonathan, das sind Sie doch, nicht wahr?" Es war natuerlich sinnlos, auf eine Antwort zu warten.

Unsicher, was zu tun war, beschloss ich, ihn erst einmal mit zu mir nach Hause zu nehmen. Ich kehrte mit der Kartoffel unter dem Arm zu meinem Haus zurueck.

Durch die Hintertuer lief ich zum Schlafzimmer hinauf und bettete den armen Jonathan Tremont auf ein Kissen und versteckte ihn unter meinem Bett. Meine Frau brauchte nichts davon zu wissen. Meine Nerven waren noch nicht so zerruettet, als das ich die Verruecktheit dieser Situation nicht klar erkannt haette.

An Schlaf war wiederum nicht zu denken und ich ueberlegte hin und her, was nun zu geschehen haette. Die Polizei rufen? Die Feuerwehr? Das biologische Institut der Universitaet? Seine Tochter verstaendigen? Bei einer Katastrophe oder einem Unfall waere all das sicher angebracht gewesen, doch was sollte ich jetzt erzaehlen? Die halbe Nacht erwaegte ich bald dieses, bald jenes. Langsam jedoch wurde mir klar, dass man wahrscheinlich mich in die naechste Klinik schaffen wuerde, wenn ich meinen Verdacht auch nur andeutete. An all dem war wiederum niemand anderer schuld, als dieser Jonathan Tremont. Er hatte sich selbst und zu guter letzt auch mir diese Sache eingebrockt. Seine gerechte Strafe hatte er erhalten, doch stimmte mich dieser Gedanke nicht froh. Eine Kartoffel zu sein war sicherlich nicht angenehm, doch was zum Teufel sollte ich jetzt mit der Knolle machen? Schliesslich nahm ich sie wuetend unter dem Bett hervor und polterte in die Kueche hinunter. Es gab nur einen Ausweg, die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen! Von dem Laerm erwacht, war meine Frau mir in die Kueche gefolgt.

" Was tust du um diese Zeit hier", wollte sie wissen. " Ich habe Hunger und mache mir etwas zu essen", war meine knappe Antwort. Sie deutete auf Tremont. " Wo hast du die denn her? Ich dachte, du verabscheust Kartoffeln." Ich gab keine Antwort und endlich ging sie wieder nach oben. Wild entschlossen begann ich, die riesige Knolle zu schaelen und in kleine Stuecke zu schneiden. Ich fragte mich durchaus, ob Tremont etwas spueren mochte, doch als er, saeuberlich in Streifen geschnitten, mit Zwiebeln und Eier als Bratkartoffeln auf meinem Teller lag, verschwendete ich keinen Gedanken mehr an ihn. Es war eine unvorstellbare Menge und ich brauchte bis zum fruehen Morgen, um alles restlos zu verspeisen.

Es schmeckte ausgezeichnet, einfach hervorragend. Danach war ich so satt, dass ich mich kaum vom Stuhl erheben konnte, aber ich war zufrieden. Zufrieden ueber die Entscheidung, wie ich die Situation geloest hatte. Jetzt, wo der unselige Tremont nicht mehr war, hatte ich endlich meinen Frieden wieder. Ich stapfte die Treppe hoch und legte mich schlafen. Bis zum spaeten Nachmittag dauerte der so lang ersehnte , heilsame Schlaf und in den folgenden Tagen erlangte ich wieder eine stabile seelische Verfassung. Hin und wieder dachte ich an meinen Freund und bedauerte in gewisser Weise sein Schicksal, jedoch konnte ich nicht verhindern, dass mir dabei das Wasser im Mund zusammenlief.

Eine Woche war nun seit dem vorzueglichen Mahl vergangen, als das Telefon klingelte. Ich nahm den Hoerer ab-- und erstarrte. Mein Herzschlag schien auszusetzen und ich fuehlte kalten Schweiss in den Handflaechen. Schwarze Punkte begannen vor meinen Augen zu tanzen. " Hallo, mein lieber Freund, haben Sie mich vermisst?", toente es aus dem Hoerer. "Wissen Sie, es ging mir nicht so gut. Ich hatte einen schweren Asthmaanfall letzte Woche. Mitten in der Nacht, stellen Sie sich vor! War im Krankenhaus fuer ein paar Tage. Furchtbar, diese Katzenallergie. Hab’ schlimm ausgesehen. Meine Tochter muss sich demnaechst jemand anderen fuer das Tier suchen, wenn sie in Urlaub faehrt. Waren Sie mal bei mir drueben, mein Freund? Ich hatte keine Zeit mehr, es Ihnen zu sagen. Auf dem Kuechentisch lag mein erstes Zuchtexemplar. Der Duenger, wissen Sie noch? Aber jetzt ist es weg. Es sollte eine Ueberraschung fuer Sie werden. Hallo? Sind Sie noch dran?

Hallo?..."

Unfaehig, auch nur ein Wort hervorzubringen, fiel ich in Ohnmacht.

© by Martina Blumenroth

____________________________________________________________________________________

nach oben                        Autorenprofil                     nächster Text

20.06.2000