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Der Kapitän

Kurzgeschichte von Torsten Schulz

Es ist Mittag und er Kapitän will ein Bad nehmen. Er spült mit der Brause die Wanne aus, legt den Stöpsel auf den Abfluß, schiebt den Hebel an den Badearmaturen nach unten, so daß das Wasser statt durch die Brause durch den Hahn läuft. In das fließende Wasser gibt er noch eine halbe Deckelfüllung der Badeschaumflüssigkeit und zieht sich dann aus. Bevor er ins Bad steigt, geht er noch zum Kühlschrank, um Cola und Rum zu holen. Ein Glas bringt er sich auch mit und die Zeitung. Glas und Zeitung baut er auf dem Klodeckel neben der Badewanne auf. Zwischen der Toilette und der Wanne ist Platz für einen Eimer mit kaltem Wasser, in der er die beiden Flaschen stellt. Dann prüft er mit dem rechten Fuß, den er vorsichtig ins Wasser taucht, ob sein Bad auch wohltemperiert sei. Ein bißchen lau ist es. Er steigt trotzdem in die Wanne, dreht aber das heiße Wasser etwas weiter auf. Ja, so ist es ganz wunderbar. Der Kapitän sitzt also in der Badewanne und genießt sein Bad. Aber halt, etwas fehlt! Er nimmt sein Glas und füllt es je zur Hälfte mit Cola und Rum.. Ja, nun ist alles gut.
Er nimmt die Zeitung und beginnt zu lesen. Es ist schwierig, die Zeitung so zu halten, daß sie nicht naß wird. Der Kapitän liest zu erst die Stellenanzeigen. Aber für ihn ist nichts dabei. Niemand sucht einen Kapitän, nirgendwo brauchen sie einen. Und in den Sparten, die sonst noch für ihn in Frage kommen, ist diesmal auch nichts. Letztes Wochenende hatte eine Reederei ein gute Stellung in der Verwaltung angeboten. Da bahnt sich vielleicht gerade etwas an. Der Kapitän hat jedenfalls seine Unterlagen abgeschickt.
Die Wanne ist voll, und er dreht das Wasser ab. Nun ist Ruhe und der Kapitän nimmt einen Schluck.
So ein Verwaltungsposten bei einer Reederei wäre ja schön und gut. Aber was ist das alles gegen ein Schiff? Er ist schließlich ein Kapitän. Und ein Kapitän gehört mit seinem Schiff aufs Meer. Überall wollten sie ihn bloß als Ersten Offizier. Aber unter Wert würde er sich nicht verkaufen, auch nicht für ein halbes Jahr. Der Erste ist halt nur der zweite Mann, und der Kapitän ist der erste. Er war auf allen Weltmeeren zu Hause gewesen, hatte Tausende von Seemeilen zurückgelegt und Häfen in allen Kontinenten angelaufen. Er hatte sich immer bewährt - als Kapitän.
Aber nun sitzt er auf dem Trockenen. Wenn Hannelore, seine Stiefmutter, nicht wäre, hätte er nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Er fand es nur recht und billig, wenn sie ihm ein wenig unter die Arme griffe. Daß sie damals, als der Gerichtsvollzieher das erste Mal gekommen war, um seinen Hausstand zu pfänden, durch eine Großzügigkeit fast fünfstelliger Art eben jenen zu retten half, war aber doch mehr als er zu hoffen gewagt hatte. Beim zweiten Mal war trotz des Verkaufs seines fast neuen Wagens nicht mehr viel zu retten gewesen, und der Kapitän zog zu seiner Stiefmutter. Eigentlich war es Hannelore nicht recht, aber was sollte der Junge denn machen? Zu seiner Frau, die nicht mehr seine Frau war, konnte er nicht mehr zurückkehren. Seine Mutter war tot, und seine Geschwister, die Schwester aus der ersten Ehe und die beiden Brüder aus Vaters zweiter Ehe mit Hannelore, wunderten sich bloß, daß der Kapitän kein Schiff mehr hatte. Die Gründe, die er anführte dafür, daß er ohne Arbeit und ohne jede Unterstützung war, mochten sie nicht glauben, und sie verstanden auch nicht, warum Hannelore das tat. Sie war die einzige, die ihm noch glaubte, er sei einer Intrige zum Opfer gefallen und Behördenschlamperei der Grund für sein Mittellosigkeit. Die Verwandtschaft hielt ihn für einen Schmarotzer, besonders seine Exfrau und seine Brüder. Aber das focht ihn nicht an; an seinem Unglück trug er keine Schuld.
Er legt die Zeitung auf den Klodeckel. Das Wasser ist etwas abgekühlt, und der Kapitän läßt deshalb heißes nachlaufen. Gut, daß er noch Zeit und Ruhe hat. Der Junge wird erst in einer Stunde kommen, und dann werden der Kapitän und der Sohn des Kapitäns ins Museum am Holstenwall besuchen, vor allem natürlich die Schiffahrtsabteilung, und hinterher den Hafen. Schiffe und Wasser, das war die richtige Mischung.
Der Kapitän dümpelte noch eine Zeitlang in der Wanne, nimmt dann und wann einen Schluck aus dem Glas. Schließlich zieht er den Stöpsel. Während das Wasser abläuft, duscht er sich ab. Heute ist ein guter Tag, denn gleich wird der Junge kommen.


© by Torsten Schulz

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02.07.99