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Fortschritt

Kurzgeschichte von Adam Erics

Schon seit Minuten gab es nichts zu sehen, außer provozierendem Geplänkel im Mittelfeld. Endlich ertönte der erlösende Halbzeitpfiff. Er überlegte kurz und entschied, daß diese Viertelstunde reichen mußte, um schnell eine tiefgefrorene Pizza in den Ofen zu schieben, die Süßigkeitenvoräte zu überprüfen und dann unter die Dusche zu springen. In einer halben Stunde würde seine liebreizende Freundin in seiner 1 ½ Zimmer Wohnung erscheinen, und wenn es etwas gab, was sie absolut nicht leiden konnte, dann waren das ungewaschene Kerle und leere Süßigkeitenschränkchen (O.K., es gab noch einige andere Sachen, die sie nicht mochte, aber das ist eine andere Geschichte). Mit der linken Hand fingerte er im Eisfach nach der Pizza, während mit der rechten Hand ein Türchen geöffnet wurde. Ein prüfender Blick, und er war im Bilde. Zwei Tafeln Marzipan dürften gerade so reichen. Während die Pizza friedlich vor sich hin brutzelte, schlurfte er ins Bad und nachdem die Klamotten auf dem Toilettendeckel plaziert worden waren, traf ihn der angenehm warme Strahl der Dusche. Es war kalt geworden.

In Gedanken versunken ließ er sich berieseln, bis er plötzlich aufschreckte. Das Spiel ! Die Pizza ! Er hatte dermaßen geträumt, daß er vollkommen die Zeit vergessen hatte, und er konnte nun nicht mal sagen, ob er nur fünf Minuten oder eine Viertelstunde unter der Dusche verbracht hatte. Er stellte das Wasser ab, schwang sich ein Badetuch um die fülligen Hüften und tapste ins Wohnzimmer, wo seine Wohlfühlklamotten bereitlagen. Dort schlüpfte er in die Trainingshose, zog sich ein T-Shirt an und wollte gerade zur Rettung der Pizza in die Küche eilen, als sein Blick auf den Fernseher fiel. Unter dem befremdlichen Logo der Nachrichten war wie immer das aktuelle Datum eingeblendet. Zu seiner Verwunderung wurde allerdings nicht der 20.08.1997, sondern der 20.08.2039 angezeigt. Anstelle eines Nachrichtensprechers wurden die News von einer kalten sonoren Stimme verlesen, ein dazugehöriger Körper erschien nicht auf dem Bildschirm. Verwundert rieb er sich die Augen, zumal gerade in diesem Moment von schrecklichen Auseinandersetzungen zwischen den U.S.A. und Kanada berichtet wurde. Nein, es konnte sich hierbei nur um einen billigen Scherz handeln. Halbwegs erleichtert und zufrieden mit der gefundenen Lösung griff er zur Fernbedienung und schaltete um. Die gleiche Stimme gedachte nun dem Kontinent Australien, der angeblich vor genau zehn Jahren aufgrund von geheimen unterirdischen Sprengungen mit Mann und Maus untergegangen war. Nervosität kroch in ihm hoch, und irritiert griff er zum Telefon. Er drückte den Knopf, der die gespeicherte Nummer seiner Mutter anwählte, die dreißig Kilometer nördlich in einem kleinen Städtchen lebte. Eine fremde Stimme meldete sich. Zitternd verlangte er seine Mutter, doch der Mann am anderen Ende der Leitung konnte mit dem Namen nichts anfangen. Vielmehr interessierte ihn, warum sein Bildschirmtelephon keine Bilder des Gegenübers lieferte. Stöhnend wiederholte er den Namen, um sich endlich Klarheit(?) zu verschaffen. Nach einer kurzen Pause erwiderte der Fremde, daß ihm der Name bekannt wäre, er diese Person aber nie gesehen hätte, da sie die Vormieterin der Wohnung gewesen sei, und schon vor 20 Jahren gestorben wäre. Ohne ein weiteres Wort beendete er das Gespräch. Während er zum Fenster taumelte, schossen ihm Erinnerungen und Erklärungsversuche durch den Kopf, doch er konnte keinen dieser Gedanken einordnen. Da er im Dachgeschoß wohnte, besaß die Wohnung schrägliegende Fenster, und er mußte sich trotz seiner beachtlichen Größe auf die Zehenspitze stellen, um einen Teil der vorbeiführenden Hauptstraße erkennen zu können. Was er dort sah, riß ihm den letzten Rest Boden unter den Füßen weg. Silbrig glänzend schwebten Vehikel, die an ferngesteuerte Überraschungseier erinnerten, in drei Ebenen, die erste knapp über dem Boden, die anderen beiden um jeweils drei Meter nach oben versetzt, durch die Luft. Dort wo ehemals grauer Asphalt seine Bahnen zog, schimmerte nun ein ölig-grüner Film, das alte Bankgebäude war wie vom Erdboden verschluckt. An dieser Stelle ragten nun Antennen in die Höhe, riesigen Insektenfühlern nicht unähnlich. Er wich vom Fenster zurück und ließ sich kraftlos aufs Bett fallen. Da waren Schritte im Flur. Ein Schlüsselbund klapperte und seine Wohnungstür wurde geöffnet. Seine Freundin. Die hatte er total vergessen. Er sprang auf und stürmte in den Flur los, unfähig Freude oder Erleichterung zu verspüren, die Vorkommnisse waren einfach zu verwirrend gewesen. Trotz alledem schien ein Ende des Albtraums in Sicht, und so rief er ihren Namen bevor die Tür richtig offen war. Sie antwortete ihm und er verstand nur einige Worte, gesprochen von einer alten Frau, bevor er zusammenbrach.

 

© by Adam Erics

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02.12.99