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Der Gang nach Canossa

Kurzgeschichte von Elke Wolf

Meine Freundin Dagmar und ich gingen in die 7. Klasse des Gymnasiums. Wir hatten eine Mitschülerin, Steffi, bei uns in der Klasse, die bei allen unbeliebt war. Getan hat sie eigentlich nie jemandem etwas, im Gegenteil. Sie war sehr ruhig, zurückhaltend - und ein absoluter Streber. Einsen in allen Fächern, immer die besten Arbeiten der Klasse. Wir alle mochten sie nicht besonders, schon allein wegen ihres biederen Aussehens (stets geflochtene Zöpfe, leicht altmodisch gekleidet usw.) Und Steffi hob sich, aus Sicht der Lehrer ganz bestimmt, “wohltuend” von uns anderen ab, weil sie im Unterricht immer kerzengerade auf ihrem Stuhl saß, aufmerksam jeden wenn auch noch so langweiligen Unterricht verfolgte und natürlich im Gegensatz zu uns anderen nie mal mit dem Tischnachbarn quatschte. Den Blick immer nach vorne gerichtet, während des Unterrichts Notizen schreibend, eben ein richtiger Streber. Klar, daß sie von uns Mitschülern oft geärgert wurde (meine Güte, wenn ich heute darüber nachdenke, waren wir richtig gemein).

Eines Tages überlegten Dagmar und ich, wie wir denn Steffi mal richtig schön ärgern könnten. Uns fiel dazu etwas ganz “tolles” ein... Eine unheimlich starke Idee, wie wir fanden. Während des Sportunterrichts schlichen wir uns kurz aus der Turnhalle und versteckten einen von Steffi´s Schuhen (ziemlich teure Mokassins) im Papierkorb des Duschraumes. Verdeckt von etlichen benutzten Einmal-Handtüchern würde sie ihn nie finden bzw. dort auch bestimmt nicht vermuten. Gesagt, getan. Natürlich “suchten” wir im Anschluß an den Sportunterricht auch fleißig mit nach Steffi´s Schuh. Steffi war recht verzweifelt, weil sie den Schuh nicht finden konnte. Aber Dagmar und ich setzten noch einen drauf: Wir taten so, als wenn wir den Schuh halt nicht gefunden hätten und fuhren nach Hause, stolz auf unseren Streich. Nachmittags war ich bei Dagmar und als ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kam, erzählten wir ihr ganz begeistert davon, daß wir der Steffi einen ganz tollen Streich gespielt hatten, lachten uns kaputt, weil sie jetzt nur noch einen Schuh hatte. Aber das Lachen verging uns ziemlich schnell, denn jetzt bekamen wir ein gescheites Donnerwetter von Dagmar´s Mutter zu hören. Wie könnt Ihr denn, um Gottes willen, was fällt Euch überhaupt ein? Und das biegt Ihr jetzt wieder gerade. Ihr fahrt sofort in die Schule, holt den Schuh aus dem Papierkorb und bringt ihn Steffi zurück. Und entschuldigt wird sich auch dafür, für so einen Mist! Dagmar und ich konnten nach dieser Gardinenpredigt überhaupt nichts mehr sagen, saßen da mit offenen Mündern. Oh Gott, was jetzt? Den Schuh aus der Schule holen, das ging ja noch, aber ihn dann selbst zu Steffi zu bringen? Um Himmels willen... Wir fragten Dagmar´s Mutter, ob sie denn nicht zu Steffi und so, oder sie vielleicht bei ihr anrufen könne und das alles Steffi´s Mutter erklären könnte und überhaupt, sie könne sowas doch bestimmt besser als wir... Aber Dagmar´s Mutter ließ sich nicht umstimmen - wir hatten den Mist gemacht, also sollten wir auch unseren Kopf dafür hinhalten (ist ja eigentlich klar). Sie erklärte uns daraufhin dann noch, daß dies ein sogenannter “Gang nach Canossa” sei, eben für etwas geradezustehen, das man gemacht hat. Gut, Dagmar und ich also auf die Fahrräder, ab in die Schule und den Schuh herausgeholt. Mittlerweile hatten wir schon richtig Bauchschmerzen, weil ja jetzt der schwerere Teil unserer “Strafarbeit” kam, nämlich den Schuh zu Steffi nach Hause zu bringen und unseren Streich zu beichten. So stark wie mittags, als wir den Schuh versteckt hatten, fühlten wir uns hierbei allerdings nicht mehr... Kurz vor Steffi´s Haus angekommen, stiegen wir von unseren Fahrrädern ab und überlegten erst mal. Neben dem Haus, wo Steffi wohnte, war eine ziemlich langgezogene Mauer, die man von Steffi aus nicht sehen konnte. Und so standen Dagmar und ich an dieser Mauer bestimmt eine Dreiviertelstunde herum. Wer sagt das jetzt Steffi bzw. ihrer Mutter? Was sagen wir überhaupt und wie sollen wir erklären, wie wir auf diese Idee mit dem Schuhverstecken gekommen sind?? Ratlosigkeit, Muffensausen, Bauchweh, das war so das, was wir durchlitten haben in der Zeit, die wir an der Mauer standen. Kreideweiß waren wir wahrscheinlich auch im Gesicht. Irgendwann mal war es dann soweit, daß wir uns durchgerungen hatten, bei Steffi zu klingeln. Mit gesenkten Köpfen, jetzt puterrot, standen wir vor der Haustür, die Steffi´s Mutter geöffnet hatte. Wir murmelten uns etwas in den Bart, daß wir halt die Übeltäter waren und daß es uns leid tun würde und wir sowas nie mehr machen würden und und und. Wahrscheinlich kommt jetzt das nächste Donnerwetter, dachten wir. Aber nein, nichts von alledem! Steffi´s Mutter meinte zu uns, daß wir doch erstmal reinkommen sollten, sehr freundlich war sie zu uns (hätten wir doch gar nicht verdient gehabt!). Wir setzten uns an den Tisch und Steffi´s Mutter erklärte uns in aller Ruhe, daß so was wie das, was wir gemacht hatten, mit einem Streich nicht unbedingt mehr etwas zu tun hat, weil Schuhe doch ziemlich teuer sind usw. Außerdem hatten Steffi und ihre Mutter natürlich geglaubt, daß irgendjemand den Schuh geklaut hätte. Während unseres Gesprächs fiel von Steffi´s Mutter kein lautes Wort, keine rüden Beschimpfungen - Dagmar und ich konnten es gar nicht glauben und schämten uns gleich doppelt für unseren Streich... Steffi kam später auch noch hinzu und nach einem etwas längeren Gespräch war alles wieder in Ordnung.

Dagmar und ich hatten aber unsere Lektion gelernt. Wie wir da ewig an der Mauer herumgestanden hatten, weil sich keiner recht traute, bei Steffi zu klingeln und zuzugeben, daß das Schuh-Verstecken auf unserem Mist gewachsen war, das war schon so eine Sache für sich. Oft habe ich noch an diesen “Gang nach Canossa” zurückdenken müssen. Und selbst heute fällt mir unser damaliger Streich noch öfter ein, denn interessanterweise wohnt meine Mutter seit vier Jahren in einem Haus genau gegenüber der Mauer, an der Dagmar und ich damals so lange gestanden und gegrübelt hatten, wie wir uns jetzt am besten aus der Affäre ziehen können....

© by Elke Wolf

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01.11.99