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Aus der Kindheit von Alma

Autobiografisches von Alma Woelfel

Im Sommer fuhr ich fast jedes Jahr zu meiner Tante Gundula, sie war die Schwester meiner Mutter und wohnte auf dem Dorf. Es war ein kleines Dorf mit 500 Einwohnern. Dort gab es einen kleinen Lebensmittelladen, der im Klubhaus eingerichtet war, einen Kindergarten und eine Schule. Ein Klubhaus hatte in der DDR fast jedes Dorf. Im Klubhaus fanden alle öffentlichen Veranstaltungen, wie die 1. Mai Feier, Frauentag, Jugendweihe oder Erntedankfest statt. Jeden Sonnabend und Sonntag wurden Filme vorgeführt. Sonntag Nachmittag für Kinder und am Abend für Erwachsene. Ein Raum wurde zum Lebensmitteladen umfunktioniert, ein Bäckerwagen und Fleischerwagen kam einmal in der Woche. Auch der Doktor, der einmal im Monat das Dorf besuchte, hatte seine "Ordination" dort. Wer richtig krank war und einen Hausarzt brauchte mußte in die nächste Stadt fahren. Verkehrsmittel gab es in den ersten Jahren nicht. Wir fuhren immer bis Falkenhagen und liefen dann fünf Kilometer durch den Wald. (Ein Wald ohne sterbliche Überreste) Später fand dann eine Anbindung an den allgemeinen Stadtverkehr statt. Es fuhr ein Bus. Als meine Eltern dann ein Motorrad mit Beiwagen hatten, fuhren wir öfter zum Erntedankfest im Oktober zu meiner Tante. Die Eröffnung der Feierlichkeiten fand immer vor dem Klubhaus statt. Die Dorfoberen fanden sich zu einem Fahnenappell ein. Kindergarten und Schulkinder sangen und sagten Gedichte auf. Der Bürgermeister sprach seinen Dank aus, dann wurde die Fahne der DDR hochgezogen, damals noch ohne Hammer und Sichel. Abends fanden dann Feierlichkeiten im Klubsaal statt. Es gab nochmals Ansprachen, die besten LPG Bauern wurden ausgezeichnet, danach begann der gemütliche Teil. Es wurde gesoffen und getanzt. Nüchtern verließ mein Vater auch nie dieses Vergnügen.

Die Schule in Dorf war noch wie früher. Es wurden mehrere Klassen zusammen unterrichtet. Wie die Einteilung war, weiß ich heute gar nicht mehr genau. Die erste bis vierte Klasse in einem Raum und die fünfte bis achte Klasse in einem anderen Raum, erinnere ich mich dunkel. Ich mußte einmal dort vom September bis zu den Novemberferien in die Schule gehen. Der Lehrer gab den Schülern der einzelnen Klassen Arbeiten auf, die sie erledigen mußten. Für mich Stadtkind war alles unvorstellbar, ich fühlte mich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Meine Cousine Ina, die vier Jahre älter als ich ist, wurde in einem anderen Raum unterrichtet. Ich kann mich auch nur an einen Lehrer erinnern. Wie nun wirklich der Unterricht vonstatten ging, weiß ich wirklich nicht mehr so genau. Wahrscheinlich, weil ich nie gern zur Schule gegangen bin.

Dafür kann ich mich noch gut an den Kindergarten erinnern. Meine Tante arbeitete dort als Helferin. Sie nahm mich in den Jahren, in denen ich noch nicht zur Schule ging, mit. Ina hatte vormittags immer noch Schule, deshalb mußte ich immer ein paar Tage, bis die Ferien begannen, mit in den Kindergarten. Ich war etwas älter als die anderen Kinder, wir verstanden uns aber immer alle gut. Wenn alle Kinder da waren, wurde gemeinsam gefrühstückt. Das Frühstück- und Vesperbrot brachten die Kinder mit. Nachdem Frühstück gingen wir spazieren. Zurückgekehrt, wurde, nach einer kurzen Spieleinlage, der Mittagstisch gedeckt. Das Essen wurde jeden Tag geliefert. Wenn alle fertig mit dem Essen waren, dann wurden Liegen aufgestellt, und wir mußten zwei Stunden schlafen. Danach gab es dann wieder das Vesper und nun konnte jeder spielen, was er wollte bis er oder sie von den Eltern abgeholt wurden. Wenn alle Kinder abgeholt waren, ging ich mit meiner Tante nach Hause, wo schon meine Cousine und meine Oma warteten. Wenn die Ferien begannen, durfte ich mit Ina den ganzen Tag zusammen spielen. Wir gingen in den Wald oder pflückten Kirschen von den Bäumen, die am Straßenrand standen. Mit der Hilfe meiner Cousine lernte ich auch etwas Radfahren. Allerdings landet ich dabei einmal in einen Kornfeld und zog mir den Zorn der LPG-Bauern zu. Es kam auch vor, dass das Lenkrad etwas schief war wenn ich zurückkam. Ich wagte nämlich nicht zu bremsen und sprang immer während der Fahrt ab. Das Rad fuhr dann natürlich weiter und landete irgendwo in der Wildnis, während ich fast immer bei diesen gewagten Absprung hinfiel. Die ganze Sache ging nicht ohne Blessuren und größerer Verletzungen ab, einige Narben von damals habe ich noch heute.

Richtig fahren habe ich dann aber erst zehn Jahre später gelernt. Ina und ich waren viel mit dem Rad unterwegs. Ina fuhr und ich saß auf dem Gepäckständer, als sie einmal zu früh losfuhr hatte ich die Beine noch nicht genug von den Felgen entfernt, dadurch klemmte sie mir beide Fersen ein. Die sahen dann aus wie mit einem Messer angeschnitten. Machte mir aber nicht viel aus, ich fuhr trotzdem noch mit. Was mir noch genau in Erinnerung blieb, waren unsere Waldspaziergänge. Im Zweiten Weltkrieg wurden in dieser Gegend, zum Ende des Krieges, noch starke Gefechte geführt. Der Krieg war inzwischen acht Jahre vorbei, dennoch lagen im ganzen Wald verstreut Totenköpfe, Knochen, Blechgeschirr und Stahlhelme herum. Wahrscheinlich sind die Körper dort verwest, und die Knochen blieben liegen. Erst viele Jahre später wurden die menschlichen Überreste entfernt. Wieviel vermisste Soldaten wohl dort verstreut lagen?

Eine andere Geschichte, die etwas lustiger war, war die Sache mit meiner Spielhose. Meine Mutter nährt selber, sie nähte mir alle meine Kleider und Hosen selbst. Nun war der Stoff in der damaligen Zeit nicht sehr stabil. Oft riß er schon beim Zuschneiden ein, oder beim Anprobieren zerriß er einfach. In den fünfziger Jahren waren für Kinder die sogenannten Spielhosen modern. Heute sagt man dazu kurze Latzhosen. Meine Mutter nähte mir nun aus einen bunten Baumwollstoff so eine kurze Latzhose. Dieses Höschen zog ich nun einmal zum Baden im See an. Ich sprang damit ins Wasser und schon war die rechte Seite des Höschens aufgeschlitzt. Nun hatte ich eine bedeckte und eine freie Pobacke. Es dauerte natürlich eine Weile bis ich es merkte, erst die Freundinnen meiner Cousine machten mich darauf aufmerksam. Es war ein großer Dreiangel, aber nach Hause wollte ich auch noch nicht. Ina wurde nun mein "Schutzengel". Jedesmal bevor ich aus dem See stieg mußte sie meine Hose zurechtrücken, so sah man diesen Dreiangel nicht mehr. Badeanzüge gab es kaum zu kaufen, wie jeder weiß wachsen Kinder schnell, und für dieses unnötige Zeug hatte meine Mutter kein Geld. Es war einfach kein Geld da jedes Jahr für ein Kind einen neuen Badeanzug zu kaufen. Deshalb mußte ich auch öfter die Kleidung von einer andren Cousine, die nur ein Jahr älter war, auftragen. Gisas Kleidung war immer eine gute Qualität und ich trug diese Sachen gerne. Allerdings weigerte ich mich immer einen roten Hut zu tragen. Dieser Hut gehörte zu einem Kleid. Meine Mutter war ganz begeistert davon, zum Kleid gehört nach ihrer Ansicht auch der rote Hut. Diesen Deckel trug ich aber nicht, ich weigerte mich strikt. Dann verzichtete ich eben auch auf das hübsche Kleid. Meine Mutter fügte sich dann, was sollte das Kleid herumliegen, im nächsten Jahr hätte es mir so wie so nicht mehr gepasst.

Schuhe kann man nun schlecht weitergeben. So kam es einmal zu der Tatsache, dass meine Mutter mir keine neue Schuhe kaufen konnte. An einem meiner Schuhe löste sich die Sohle, jeden Tag ein bisschen mehr. An diese Zeit erinnere ich mich mit Schrecken, es war der schrecklichste Monat in meinem Leben. Ich glaube jeder weiß wie es sich läuft wenn die Sohle eines Schuhes halb ab ist. Man hebt den Fuß, schlägt nach vorne aus und tritt auf. Macht man nicht diese Übung rollt sich die Sohle zusammen, und man steht auf der Brandsohle. Sofern es so eine Brandsohle überhaupt gibt. Bei mir war es nur Pappe. Unsere Situation war in sofern fatal, dass wir die Schuhe auch nicht zum Schuster bringen konnten, ich hatte nur das eine paar Schuhe. Für zwei paar Schuhe oder mehr, so wie es heute jeder hat, fehlte meiner Mutter das Geld. Ich mußte warten bis mein Vater wieder sein monatliches Einkommen auf den Küchentisch legte. Leider fragte die Sohle meines Schuhes nicht ab wann sie sich lösen durfte, sie löste sich zu früh. Zwei Wochen mußte ich so zur Schule gehen. Ich schämte mich natürlich furchtbar und weite meiner Mutter die Ohren voll, die wiederum kein Verständnis dafür hatte. Ob nun wirklich kein Geld für neue Schuhe in der Kasse war, oder meine Mutter nur nich die Ersparnisse angreifen wollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich setze aber voraus, dass keine Mutter absichtlich ihr Kind so einer unangenehmen Situation aussetzt.

Zu allem Unglück bescherte mir diese Situation noch eine blaues Auge. Eine Schülerin aus der Parallelklasse pöbelte mich in jeder großen Pause an. "Wie lange willst du denn noch mit diesen Schuhen herumlaufen, gehe dir doch ein paar neue kaufen." Wann gehst du dir endliche ein paar neue Schuhe kaufen, was bist du doch für eine Schlampe, wie kann man nur so herumlaufen, schämst du dich gar nicht!" Diese Pöbelei mußte ich mir jeden Tag anhören, dabei holte sie einmal kurz aus und schlug mir ihren Turnbeutel genau aufs linke Auge. Das Veilchen, was daraus entstand, konnte sich sehen lassen. Wochenlang rannte ich nun noch zu meinem Unglück mit einen blauen Auge zur Schule. Natürlich versuchte ich jeden Tag die Sohle mit Klebstoff wieder anzukleben, es hielt aber nicht lange. Noch vor Betreten der Schule war die Sohle wieder ab. Aber auch diese Zeit war einmal vorbei. Ich bekam meine neuen Schuhe, die anderen brachte meine Mutter zum Schuster. Obwohl wir einen Schuster Namens Fleischer in unserer Nähe hatten, fuhr meine Mutter öfter zu einem staatlichen Schustergeschäft zum Alexanderplatz. Diese Schuster PGH (Produktionsgenossenschaft) arbeitete billiger und schneller als Schuster Fleischer. Dafür nahm sie dann auch fast eine Stunde Bahnfahrt in Kauf. Der Alexanderplatz war damals noch ein Trümmerhaufen. Alle Häuser ringsherum waren zerstört, nur das Haus mit der PGH war noch einigermaßen in Ordnung. Erst in den sechziger Jahren begann der richtige Aufbau in dieser Region. Vorher wurde die damalige Stalinallee gebaut, von der unter anderem 1953 der große Aufstand ausging.

Wie schon in dem Bericht über die Erziehung meiner Tochter erwähnt, hielten mir meine Eltern bei jeder Gelegenheit meine "Schandtaten" oder auch "Unglücke" vor. Bis zu meiner Verehelichung mußte ich mir anhören wie ich einmal ein neues Kleid, was ich mir von meinen eigenen Lehrlingsgehalt, kaufte, mit einem zu scharfen Waschpulver, versaut habe. Als mir einmal unbemerkt die Schere in den Sessel rutschte, wurde sie natürlich vermisst. Erst Monate später fanden wir sie wieder. Natürlich hatte ich sie, nach Ansicht meiner Mutter, verbummelt, deshalb war ich immer Schuld daran wenn die Schere einmal nicht auffindbar war.

Meine Eltern waren der Ansicht, ich würde zu viel Tinte verbrauchen. Das Tintenfaß ist zu schnell leer, Tinte kostet ja auch Geld. Um dieser Verschwendung nun vorzubeugen stellte meine Mutter die Tinte auf den Wohnzimmerschrank. Als ich nun bei den Hausaufgaben war, bemerkte ich, dass mein Füllfederhalter leer war. Patronen gab es damals noch nicht. Ich stieg auf einen Stuhl rückte mir das Tintenfaß zurecht und begann, dort oben auf dem Wohnzimmerschrank, meinen leeren Füller zu füllen. Dabei passierte mir ein Mißgeschick, die Tinte kippte um, genau gegen die Wand. So gut es ging versuchte ich eine Schadenbegrenzung, der blaue Fleck an der Wand war allerdings nicht zu beseitigen, ach hätte es doch schon damals Tintenkiller gegeben. Natürlich sah meine Mutter den Fleck   irgendwann, von nun an war ich für jeden Fleck, egal wo sie einen sah, verantwortlich. Der Fleck ist nicht von dir, hörte ich immer, und der Tintenfleck an der Wand kam wohl auch von alleine? Nun gut den Tintenfleck gab ich ja zerknirscht zu, aber für den Fleck auf der Tischdecke war ich nun wirklich nicht verantwortlich. Wie ich diese ewigen Vorhaltungen haßte kann sich sicherlich jeder vorstellen.

Aber einmal geht alles zu Ende, um aus der elterliche Wohnung zu kommen heiratete ich ziemlich früh. Wir hatten nur eine Zweizimmerwohnung, und ich konnte mich dadurch nicht frei entfalten. Fast bis zum 16. Lebensjahr schlief ich mit meinen Eltern im gemeinsamen Schlafzimmer. In der Zeit meiner Lehre schlief ich dann im Wohnzimmer. Durch diese Enge konnte ich natürlich auch nie Freunde oder Freundinnen einladen. Ich meldete mich zwar für eine Wohnung an, mußte aber drei Jahre darauf warten. Als es dann soweit war hatte ich schon geheiratet. Durch diese engen Wohnverhältnisse war von je her unser Zusammenleben nicht sehr harmonisch. Meine Mutter hatte und hat so ihre Vorstellungen vom Leben, bis heute weicht sie davon nicht ab. Ehescheidung, uneheliche Kinder, Pille, Abtreibung oder ein Zusammenleben ohne Trauschein, (wie es meine Tochter schon seit längerer Zeit praktiziert) ist für sie einfach nicht akzeptabel. Eine Frau muß heiraten und Kinder bekommen, alles andere ist inakzeptabel. Schon meine etwas modernere Weltanschauung verwarf sie als nicht normal. Von der heutigen Lebensweise und Lebensart mancher Menschen ganz zu schweigen. Nun in ihrem hohen Alter lasse ich ihr ihre Überzeugung.

© by Alma Woelfel

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03.01.2001