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Eine ganz normale Liebesgeschichte

Matthias und Gülsüm: Eine Liebesgeschichte von Tim Riewe

1. Das Totengebet

Ich war am Boden zerstört: Tieftraurig blickte ich auf das offene Grab und konnte den Schmerz einfach nicht begreifen. Der Iman sprach das Totengebet ganz nach alevitischer Tradition und alle Verwandten von Gülsüm und auch meine Eltern und Geschwister hatten sich nun um das offene Grab versammelt. Nur meine kleine Yasemin war nicht dabei gewesen, Birgit, eine alte Schulkameradin und Freundin von mir hütete sie.

„Gülsüm, wieso hattest du uns und mich verlassen,"....immer wieder stellte ich mir die gleiche Frage und bekam dann doch keine Antwort. Es war der härteste Tag meines Lebens....was war passiert: Nun Gülsüm hatte sich auch ausgerechnet an diesem naßkalten Novembermorgen mit ihrer Harley-Davidson auf die Straße begeben. Draußen war es noch überall stockdunkel, aber irgendwie mußte sie ja nun zur Arbeit kommen, über die alte huckelige Landstraße.

Dabei wollte ich sie nun mit dem Auto hinfahren....jetzt bei dem gefährlichen Aqua-Planing. Doch sie wollte einfach nicht hören. „Todesmutig" schwang sie sich auf die Harley und düste in die Dunkelheit. Eine Stunde später klingelte plötzlich bei mir das Telefon. Mit einem komischen Gefühl im Bauch näherte ich mich langsam dem Telefon, das nun unaufhaltsam klingelte. Irgendwie machte es mir Angst – dieses Klingeln wollte gar nicht enden. Es wollte mir unbedingt diese traurige Nachricht überreichen, die schlagartig mein Leben ändern würde.

Schlagartig würde das zerstört werden, wofür ich monatelang gekämpft hatte....für eine Liebe, eine ganz besondere Liebe....einer Liebesbeziehung zwischen einem Christen und einer Muslimin. Einer Liebesbeziehung zwischen zwei Kulturkreisen, die von Anfang an nicht von jedem gern gesehen worden war.

Nun nahm ich doch das Telefon ab....ich mußte mich der Wahrheit stellen. Am anderen Ende meldete sich eine etwas monotone Stimme mit den Worten: „Herr Matthias Heinrichs. Das sind Sie doch oder nicht ? Sind sie der Ehemann von einer Frau Gülsüm-Heinrichs geborene Yildirim ?"

Wie in Trance erwiderte ich mit einem monotonen Ja.

„ Ich muß Ihnen eine traurige Nachricht mitteilen," nun hob sich seine Stimme ein wenig und er fuhr fort: „Ihre Frau ist vorhin hier schwerverletzt ins St. Anna-Hospital eingeliefert worden. Doch wir konnten nichts mehr tun. Sie ist vor fünf Minuten an den schweren inneren und äußeren Verletzungen verstorben. Sie wurde auf der Emser Landstraße vor einem Baum gefunden. Sie muß mit hoher Geschwindigkeit gegen diesen Baum geschleudert worden sein. Es tut mir sehr leid Ihnen dieses mitteilen zu müssen."

Dieser Augenblick sollte mein Leben prägen. Alles war nun verloren, wofür ich die letzten 2 Jahre gekämpft hatte. Mein Leben machte keinen Sinn mehr und nun wieder kehrten meine Gedanken zurück an das Grab, wo Gülsüms Leichnam, in ein Tuch gehüllt, in die Erde gelassen wurde – der Iman sprach dazu immer noch das Totengebet aus dem Koran auf Türkisch.

Es waren insgesamt ca. 40 Leute, die sich um das Grab versammelt hatten. Erkan Yildirim, mein Schwiegervater, war ein alter Mann geworden und seine Frau Nuray stand dabei. Er hatte auf einen Schlag seinen ganzen Stolz verloren, seine kleine Gülsüm. Er hatte sie als einziges Mädchen immer verwöhnt und hatte ihr immer genauso viele Rechte eingeräumt, wie deutsche Mädchen sie auch hatten, auch wenn er damit manchmal bei strenggläubigen Arbeitskollegen aneckte.

Er wollte, daß Gülsüm es besser haben sollte als er damals. Er, der vor 30 Jahren seine Heimat verließ, raus aus dem strengen Elternhaus ins liberale Deutschland.

Hier hatte er Nuray kennengelernt und hatte sie erst gegen den Willen seines strengen Vaters geheiratet. Sein Vater hatte eigentlich vorgesehen, daß er als Vater seinem Sohn die passende Braut aussucht. Irgendwann dann hatten die Eltern es dann doch akzeptiert, daß ihr Sohn, die aus liberalem Elternhause stammende Istanbulerin Nuray heiratete.

Erkan wollte das seine eigene Tochter glücklich würde, mit dem Mann, den sie wirklich liebte, egal ob dieser nun Kurde, Türke, Aramäer oder Deutscher war.

Erkan arbeitete auf einem Schlachthof mit vielen Nationalitäten zusammen, vorallem natürlich mit Türken. Viele von ihnen waren in Punkto Glauben sehr religiös und strenggläubig und hatten ganz andere Ansichten in Bezug auf Frauen, Erziehung und Glauben als Erkan. Erkan war Alevit, ein westlich orientierter Türke, der den Gebotskanon des Koran in großen Teilen nicht ausübte wie z.B. das fünfmalige Beten am Tag oder das Fasten im Fastenmonat Ramaddan. Lediglich einmal pro Woche ging er zusammen mit seiner Frau in das Versammlungshaus des alevitischen Kulturverein, wo er im Kreise der Aleviten betete und mit ihnen Gottesdienst abhielt.

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© by Tim Riewe

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05.11.2000