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Tödliche Lyrik - Die 3. Nannen-Story

Kapitel I - III

Kriminalroman von Michael Bresser und Martin Springenberg

I

»Ihr Vater hat den Dackel nicht gekauft?«
»Nein. Er wollte sich nicht von den Bazillen des Köters anstecken lassen.«
»Hat er wirklich den Begriff "Köter" gebraucht?«
»Ich schwöre es.«
Gerhard Schulz, Diplompsychologe im Dienst des Havixbecker Amtsgerichtes, runzelte sorgenvoll die Stirn.
»Da haben wir es. Der kleine Dieter Nannen hat das Trauma der Zurückweisung seines sehnlichsten Wunsches nicht verarbeitet. Der erwachsene Dieter überträgt daher seinen Haß von der Person des unmenschlichen Vaters auf das Objekt, den Hund.«
»Was kann ich dagegen unternehmen?«
»Sie müssen sich mit Ihrem Vater aussöhnen. Am besten wäre es, wenn Sie sich von ihm einen Hund kaufen ließen. Dadurch würde Ihr Trauma neutralisiert.«
Er wandte sich an meinen Nachbarn.
»Herr Becker, was ist Ihr Vergehen?«
Während Becker erzählte, warum er Damenschlüpfer stahl, fragte ich mich, womit ich diese Tortur verdient hatte. Es war an einem ganz normalen Herbsttag passiert. Ich hatte einen untreuen Ehemann verfolgt, der mich zu seinem Liebesnest führen sollte. Da der Kerl es eilig hatte, zu seiner Angebeteten zu gelangen, nahm er es mit den Verkehrsregeln nicht allzu genau und überquerte bei dunkelgelber Ampelfarbe eine Kreuzung. Ich folgte bei Rot. Leider hatte ich den Pudel übersehen, der eine ältere Dame hinter sich herzerrte. In meinem Rückspiegel sah ich noch, wie sich die Oma über eine schwarze Masse beugte, dann mußte ich mich dem Seitenspringer widmen. Eine Woche später erhielt ich Post von der Havixbecker Polizei: Frau Erna Rehwald habe Anzeige gegen mich erstattet. Ich hätte absichtlich ihren Pudel Wilma überfahren und Fahrerflucht begangen. Es gäbe mehrere Zeugen, die mein Nummernschild gesehen hätten. Darüber konnte ich nur lachen. Das Lachen verging, als mich einige Wochen später das Münsteraner Amtsgericht zu vierzig Sozialstunden und zehn Sitzungen Gruppentherapie verurteilte. In den Arbeitsstunden mußte ich zusammen mit Rockern, Skinheads und anderen angenehmen Zeitgenossen die Parkanlagen der Stadt von Zigarettenkippen und Coladosen befreien; in der Therapie durfte ich meinen Leidensgenossen aus meiner Kindheit erzählen. Die Strafe galt als verbüßt, wenn ich keine Arbeitsstunde versäumte und einen positiven Bericht von Schulz vorweisen konnte. Um Bereitwilligkeit zur Resozialisierung zu demonstrieren, erfand ich jede Woche eine neue Geschichte, die zeigte, warum ich vom süßen Daumenlutscher zum brutalen Hundekiller mutiert war. In der Woche darauf berichtete ich, wie ich die Therapievorschläge erfolgreich in die Tat umgesetzt hatte. Glücklicherweise hatte ich die Strafe so gut wie verbüßt. Nur zwei Arbeitseinsätze und eine Gruppensitzung trennten mich noch von der Freiheit. »Und jetzt stehen wir auf und sagen: Was wir heute gelernt haben, werden wir in unserem Leben verwirklichen.« Während wir das Sprüchlein herunterleierten, taxierte Schulz einen nach dem anderen. Ich gab mir Mühe, so ehrlich wie möglich auszusehen. Als wir den Raum verließen, ging ich auf Schulz zu.
»Ich muß Sie etwas fragen. Wie Sie wissen, bin ich heute zum vorletzten Mal hier.«
»Das ist mir bekannt, Herr Nannen. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Bin ich Ihrer Meinung nach so weit, daß mir ein solcher Mist nicht noch einmal passiert?«
»Seien Sie beruhigt. Sie haben sich der Tat gestellt und die Handlungsmechanismen analysiert. Ich denke nicht, daß Sie erneut straffällig werden. Allerdings muß ich Sie bitten, Ihre Erfahrungen in der Gruppe bis zum nächsten Treffen zu protokollieren. Erst dann kann ich meinen Bericht über Sie verfassen.«
»Welchen Umfang soll dieser Aufsatz haben?«
»Von Hauptschülern verlange ich in der Regel drei handschriftliche Seiten. Da ich aber aus Ihren Unterlagen ersehen konnte, daß Sie Abiturient sind, sollten es nicht weniger als zwanzig Blätter sein. Sie besitzen eine Schreibmaschine?«
Ich versprach, den Sermon in der nächsten Woche abzuliefern und verabschiedete mich. Da hatte mir der Hund einen Packen Arbeit aufgehalst. Für diese zwanzig Seiten selbstbemitleidender Schwafelei würden bestimmt drei Abende draufgehen, an denen Kneipenbesuche oder Buchlektüre wegfallen mußten. Eine halbe Stunde später rollte der Golf auf den Hof meines Kottens. Vor einem knappen Jahr hatte ich von einem entfernten Verwandten einen Bauernhof geerbt, den ich zwar nicht bewirtschaftete, aber bewohnte. Bisher hatte ich es nicht bereut, den Beruf des Betriebswirtes in einem mittelständischen Essener Unternehmen aufgegeben zu haben und in ein kleines Dorf im Münsterland gezogen zu sein. Als Privatdetektiv verdiente ich nicht schlecht, und die Abwechslung war ungleich größer. Ein roter Straßenflitzer hatte es sich in meiner Einfahrt bequem gemacht. Als ich den Motor abschaltete, wurde die Fahrertür aufgerissen. »Ich freue mich, den Meister endlich persönlich kennenzulernen.«
Ein mittelgroßer Mann in einem weißen Mantel kam auf mich zu und streckte mir seine rechte Hand entgegen. Seine Haare waren für seine vierzig Jahre viel zu lang, und sein Aftershave machte den Güllegestank vom Nachbarfeld vergessen.
»Ich weiß nicht, ob es eine Freude sein wird, mich kennenzulernen. Ich schätze Leute überhaupt nicht, die mein Grundstück als Parkplatz zweckentfremden.« Seine Hand hing noch immer in der Luft. Als er merkte, daß ich keine Anstalten machte, sie zu ergreifen, zog er sie zurück. »Ich hatte mein Automobil nur an dieser Stelle plaziert, weil ich auf Sie gewartet und mir währenddessen ein paar Zeilen Hölderlin zu Gemüte geführt habe.«
»Das hätten Sie auch am Straßenrand machen können. Zu wem wollen Sie überhaupt?«
»Zu Herrn Nannen, dem Meisterdetektiv. Dem Mann, der in großartiger Manier unsere Gegend von Verbrechern befreit, dem keine Spur entgeht und gegen den Sherlock Holmes ein Stümper ist.« Ich hatte es mit einem Spinner zu tun. Bisher waren nur Filmstars und Schlagersänger von autogrammgierigen Fans bis zu ihrem Haus verfolgt worden; jetzt waren auch Privatdetektive ihres Lebens nicht mehr sicher. »Mein Bruder macht Urlaub in der Türkei. Sie haben sich vergeblich bemüht.« Mein Gegenüber lächelte und schüttelte den Kopf. »Sie Schelm. Immer zu einem kleinen Scherz aufgelegt. Erstens habe ich Ihr Foto in der Zeitung gesehen, zweitens haben Sie vorhin von "Ihrem" Grundstück gesprochen. Wollen Sie mich auf eine falsche Fährte locken und damit meinen Scharfsinn testen? Ich denke, ich habe die Aufgabe mit Bravour gelöst. Aber ich habe auch eine solche für Sie, die Ihre ganze Findigkeit erfordern wird. Sollten wir das nicht lieber drinnen besprechen? Bei diesen niedrigen Temperaturen fröstelt es mich.« Abwimmeln konnte ich den Kerl leider nicht, auch wenn er meine Nerven bis auf das Äußerste strapazierte. Meine Auftragslage war seit zwei Wochen mehr als dürftig, und ich brauchte dringend ein neues Auto, denn mein Golf rostete an allen Ecken, und im Januar mußte der Wagen zum TÜV. Daher hatte ich nur vier Wochen Zeit, das Geld für ein neues Gefährt zu verdienen. »Gut. Kommen Sie mit.« Während ich die Tür aufschloß, fragte ich nach seinem Namen. »Antonio Strazito.« »Sind Sie Italiener?« »Non, je regrette. Das ist mein Pseudonym. Sie müssen wissen, daß ich von Beruf, oder besser gesagt von Berufung, Poet bin.« »Aha.« Ich stiefelte in die Küche und setzte Kaffeewasser auf, während Strazito mein Bücherregal inspizierte. Als ich zurückkam, saß der Dichter mit einem Buch in der Hand vor dem Kamin.
»Dieser Trakl. Einfach merveilleuse, wie er die Einsamkeit metaphorisiert! Sie haben eine wirklich ausgezeichnete Bibliothek, mein Freund. Klein, aber fein.«
»Kaffee?«
»Nein, danke. Aber gegen einen guten Likör hätte mein Gaumen nichts einzuwenden.«
»Habe ich nicht. Sie müssen sich mit Kaffee begnügen.«
»Bon. Dann dürste ich.«
»Auch gut. Sie haben von einem Fall gesprochen?«
»In der Tat trifft dies zu. Eine abscheuliche Tat. Hermann Grutz, mein Freund und Mäzen, ist zu Beginn der Woche von uns gegangen?«
»Dieser Grutz ist ermordet worden?« »Die Polizei geht von einem Suizid aus. Aber Hermann und Selbstmord, ich bitte Sie. Exclusée. Sie wissen, welch ein lebensspendender Odem durch seine Poesie schwebt.« Wenn Grutz ein ähnlicher Schwätzer wie Strazito gewesen war, konnte ich verstehen, daß man ihn umgebracht hatte. »Erzählen Sie mir Näheres.« »Hermann war wie ich und sieben weitere Poeten Mitglied der Havixbecker Serapionsbrüder, einer Gemeinschaft, die es sich zum Ziel gemacht hat, die romantische Dichtung fortzuführen. Hermann war unser Aushängeschild. Er konnte den Eichendorffpreis und andere bedeutende Auszeichnungen auf seinem Erfolgskonto verbuchen, ökonomisch gesprochen. Am Montag wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Vergiftet. Auf dem Schreibtisch lag ein Abschiedsbrief, in dem er den Druck des Ruhmes und die Feindschaft der Masse gegenüber dem Dichter beklagt. Aber eine solche Wehleidigkeit war überhaupt nicht Hermanns Art. Er bejahte das Leben und stand dem Gotte Bachus an Frohmut in nichts nach.« »Haben Sie einen Verdacht, wer Ihren Freund auf dem Gewissen haben könnte?« »In der Tat. Um sich über Wasser zu halten, hat Hermann auch Bestseller verfaßt. Lyrik verkauft sich nicht, wie Ihnen bekannt sein dürfte. In seinem in Kürze erscheinenden Roman namens "Die gestohlene Prostata" setzt er sich mit der Organmafia auseinander. In einem Krankenhaus werden Patienten ermordet, damit ihre Organe für teures Geld verkauft werden können. Aus der Beschreibung des Krankenhauses läßt sich schließen, daß es sich um das Havixbecker Hospital handelt. Wir vermuten, daß Hermann Unterlagen über die dortigen verbrecherischen Umtriebe gesammelt und damit jemandem gehörige Furcht eingejagt hat.« »Das reicht fürs Erste. Ich bekomme dreihundert Mark am Tag, die Spesen nicht mitgerechnet.« Strazito erklärte sich einverstanden. Ich beförderte ihn an die frische Luft und begab mich an meinen Bericht für Schulz. Nach zehn Zigaretten und einer Kanne Kaffee hatte ich von den geforderten zwanzig Maschinenseiten gerade ein Fünftel geschrieben. Als ich den Erguß noch einmal durchlas, kamen mir beinahe die Tränen. Welch hartes Schicksal. Mein ganzes Leben hatte ich darunter gelitten, daß mein Vater mir den sehnlichst gewünschten Dackel nicht gekauft hatte. Bevor ich in Selbstmitleid zerfloß, wollte ich lieber den neuen Fall überdenken. Ein gewisser Hermann Grutz, laut Strazitos Aussage ein weltbekannter Dichter, von dem ich aber noch nie etwas gehört hatte, war angeblich ermordet worden. Antonio vermutete den Mörder im Havixbecker Krankenhaus. Wenn Grutz in seinem Buch tatsächlich über die Organmafia geschrieben hatte, war sein Verdacht gar nicht so abwegig. Wie und wo sollte ich mit meinen Ermittlungen beginnen? Trotz des Verdachtes von Strazito hielt ich es zunächst für besser, das Umfeld des Toten zu beleuchten. Zum einen mußte ich einige Fakten über den Selbstmord beziehungsweise Mord besorgen, zum anderen wollte ich mir das Werk des legendären Dichters zulegen. Für den ersten Punkt waren Bekannte und Verwandte des Toten, im Notfall die Polizei, für den zweiten die Havixbecker Buchhandlung zuständig. Ich blickte auf die Armbanduhr; es war bereits nach zehn. Da ich kein Freund übertriebener Eile war, rauchte ich eine Gutenachtzigarette und frequentierte das Bett.

II

Am nächsten Morgen erwachte ich um neun Uhr. Ich besorgte zwei Vollkornschnitten aus dem Brotkorb und Butterkäse aus dem Kühlschrank. Bei mir hatte eine Mahlzeit die Aufgabe, die anschließende Zigarette noch schmackhafter zu machen. Nachdem ich die aktuellen Nachrichten sowohl in der Zeitung gelesen als auch im Radio gehört hatte, mußte ich meinen bäuerlichen Pflichten nachkommen. Außer den sieben Kaninchen, die ich neben dem Kotten von meinem Onkel Hugo geerbt hatte, mußte ich seit drei Tagen eine Ziege durchfüttern. Sie gehörte meiner überaus hübschen Nachbarin Karin Schuhmann, die seit einigen Wochen versuchte, eine Ziegenzucht auf die Beine zu stellen. Sie bewirtschaftete einen Biogemüsehof und glaubte eine Marktlücke entdeckt zu haben, indem sie Ziegenmilch an die Bulderner Dorfbevölkerung verkaufte. Dabei handelte es sich größtenteils um Damen, deren Alter nur mit Hilfe des großen Einmaleins bestimmt werden konnte. Eine der Ziegen war krank geworden, und Karin befürchtete eine Epidemie. Ihre Bitte, das Tier bis zur vollständigen Genesung in meinem Stall, der zuvor einer Sau als Aufenthaltsort gedient hatte, unterzubringen, konnte ich nicht abschlagen. Zum einen hatte sie meinen Einwand, die Ziege könnte meine Langohren infizieren, mit etlichen veterinärmedizinischen Fachausdrücken zerschlagen, zum anderen fand ich Schuhmann sympathisch. Man konnte zwar nicht behaupten, daß die Pflege eines Ziegenbockes zu meinen liebsten Beschäftigungen zählte, aber Karin hatte mir versichert, daß Henry in spätestens einer Woche wieder gesund wäre. Nachdem die Kaninchen mit Ohrenschlackern und Henry mit kontinuierlichem Meckern verkündet hatten, daß ihnen die Mahlzeit mundete, ging ich in das Haus zurück. Ich schüttete den letzten Rest Kaffee in die Tasse und suchte Strazitos Nummer aus dem Telefonbuch. Zum Glück hieß er nicht "Schmidt", denn unter diesem Namen waren sogar in einem kleinen Städtchen wie Havixbeck fünfunddreißig Personen verzeichnet. »Antonio Strazito hier.« »Dieter Nannen. Ich habe noch einige Fragen.« »Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen weiterhelfen könnte, mon ami.« »Lebte Grutz allein, oder war er verheiratet?« »Weder das eine noch das andere. Er hatte eine Lebensabschnittspartnerin.« »Wohnten sie zusammen?« »Hermann hatte eine Wohnung in der Kastanienallee siebzehn, seine Lebensgefährtin lebt zusammen mit ihrem kranken Vater in einem Haus in Buldern. Es kam aber vor, daß Cornelia für mehrere Tage bei Hermann einzog, wenn es der Gesundheitszustand ihres Vaters zuließ. Ihre Mutter, Gott habe sie selig, ist vor zwei Jahren an einem Lungenödem gestorben. Seitdem muß Cornelia immer auf...« »Wie heißt diese Cornelia mit Nachnamen, und wie lautet ihre Adresse?« »Lienen. Sie ist ein ganz patentes Frauenzimmer. Hat es immer schwer gehabt im Leben und trotzdem...« »Die Adresse, Herr Strazito.« »Am Fliederbusch drei. Es ist gegenüber der Bulderner Kirche. So ein nettes Mädchen. Ich hätte alles darum gegeben, ihr diesen Schicksalsschlag zu ersparen. Haben Sie schon Ihre Fühler im Krankenhaus ausgestreckt?« »Wie stellen Sie sich das vor? Soll ich dort hereinspazieren und sagen "Hallo, ich bin Dieter Nannen und möchte die hier tätige Organmafia festnehmen"? Wenn Sie mit meinen Ermittlungsmethoden nicht einverstanden sind, suchen Sie sich einen anderen Privatdetektiv, Herr Strazito.« »Ich würde mir eher die Zunge abbeißen als Ihre Arbeitsweise kritisieren. Ihre Erfolge geben Ihnen schließlich recht.« »Dann sind wir uns in diesem Punkt einig. Können Sie mir jetzt die Namen und Adressen der übrigen Poeten geben, die diesem Club angehören?« Antonio nannte mir die Anschriften sämtlicher Möchtegerndichter. Einer der Herren wohnte in Buldern. »Ich bedanke mich.« »Darf ich zum Abschluß einige kurze Verse zitieren?« »Nein.« Ich drückte die Gabel herunter. Das Gewäsch des Spinners hatte meine Nerven schon über Gebühr strapaziert. Ich konnte nur hoffen, daß ich nicht allzu oft auf Strazitos Hilfe angewiesen sein würde. Immerhin hatte er eine Person genannt, die ich mit meinem Besuch beglücken konnte. Vielleicht wußte die Freundin von Grutz Näheres über die Tatumstände. Ich wählte eine legere Garderobe, verließ das Haus und klemmte mich hinter das Steuer meines Wagens. Es waren zwar nur zwei Kilometer bis zu der von Strazito genannten Adresse, aber es sah nach Regen aus. Außerdem hatte mein Drahtesel einen Platten, und ich konnte mir schönere Dinge vorstellen, als einen Fahrradreifen zu flicken. Nach wenigen Minuten hatte ich den Golf auf dem Kirchenvorplatz abgestellt und meine Füße in Richtung Fliederbusch drei gelenkt. Familie Lienen wohnte in einem schmucken Fachwerkhaus, das gut in Schuß gehalten worden war. Das einzige, was nicht zu dem Alter des Gebäudes paßte, waren die Thermopenfensterscheiben. Ich durchschritt das Gartentor, erklomm die zwei Stufen bis zur Haustür und klingelte. Nichts geschah. Nachdem mein Daumen die Schelle noch dreimal bis zum Anschlag durchgedrückt hatte, machte ich kehrt und stiefelte um das Haus herum. Hinter dem Gebäude entdeckte ich eine etwa dreißigjährige Frau mit Kopftuch und einen doppelt so alten Mann. Beide stützten gerade ihre Oberkörper auf Gartengeräten ab. Wenn mich meine agrarökonomischen Kenntnisse nicht im Stich ließen, handelte es sich dabei um einen Spaten und eine Harke. Ich wanderte einen schmalen Gartenweg entlang.
»Guten Tag zusammen.«
»Guten Tag alleine.«
Cornelia hatte das Wort ergriffen. Ihr Vater sagte nichts, sondern holte ein Taschentuch aus seiner Gärtnerkluft und fuhr sich damit über die Stirn.
»Mein Name ist Dieter Nannen. Ich wurde beauftragt, den Tod von Hermann Grutz zu untersuchen, und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
»Was gibt es da zu untersuchen?« mischte sich der Alte ein.
»Sind Sie von der Versicherung oder was?«
»Ich bin Privatdetektiv. Mein Klient geht davon aus, daß der Selbstmord kein Selbstmord war.«
»Wollen Sie meine Tochter unnötig quälen? Sie hat in den letzten Tagen genug durchgemacht. »Herr Lienen...« versuchte ich ihn zu unterbrechen. »Ich weiß nicht, was es da zu beschnüffeln gibt. Grutz hat Hand an sich gelegt, das ist doch sonnenklar.« »So klar ist das nicht, Herr Lienen. Einige Umstände deuten darauf hin, daß Herr Grutz sich nicht freiwillig von dieser Welt verabschiedet hat.« »Erzählen Sie keinen Mist.« »Außerdem möchte ich mich nicht mit Ihnen, sondern mit Ihrer Tochter unterhalten. Ihre schlauen Sprüche können Sie sich für den Stammtisch aufheben.« »Sie unverschämter Kerl. Verschwinden Sie von meinem Grundstück.« »Vater, jetzt reicht es aber. Herr Nannen hat höflich gefragt, ob er mir einige Fragen stellen kann. Das gibt Dir nicht das Recht, ihn zu beschimpfen und vom Hof zu werfen.« Lienen schaute seine Tochter entrüstet an und ergab sich in eine entsetzliche Hustenattacke. Ich trat drei Schritte vor und klopfte ihm auf den Rücken. »Fassen Sie mich nicht an, Schnüffler.« »Immerhin scheint es geholfen zu haben.« Ich wandte mich an Cornelia. »Wie sieht es aus? Haben Sie kurz Zeit für mich? Ich verspreche, daß ich Sie nicht lange von der Gartenarbeit abhalten werde.« Der alte Lienen ließ sich mit einem starken Ächzen auf einen Gartenstuhl fallen und mimte den Stummen. Cornelia bot mir einen Sitzplatz an, den ich dankend ablehnte. Ihr Vater hustete noch einmal inbrünstig, dann konnte ich mit der Befragung beginnen. »Sie waren die Freundin des Verstorbenen?« »Das ist richtig. Wir haben uns vor zwei Jahren bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Havixbecker Krankenhaus kennengelernt. Er hat einige Gedichte vorgetragen und seinen ersten Roman signiert. Durch seine Hilfe wurde die Veranstaltung ein voller Erfolg.« »Sie haben bei der Veranstaltung mitgewirkt?« »Ich arbeite als Krankenschwester und habe an diesem Tag für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt. Mir haben Hermanns Verse sofort gefallen und er selbst auch. Zufällig haben wir uns zwei Tage darauf in einem Café wiedergesehen, und seitdem waren wir ein Paar.« »Wann haben Sie Herrn Grutz das letzte Mal gesehen?« »Vor knapp einer Woche; am Tag seines Todes. Ich habe bei ihm übernachtet, und wir haben zusammen gefrühstückt.« »Um welche Zeit haben Sie seine Wohnung verlassen?« »Kurz vor acht. Ich mußte zum Dienst.« »Sie scheinen den Tod Ihres Freundes gut verdaut zu haben.« »Herr Nannen. Als Krankenschwester werde ich tagtäglich mit dem Tod konfrontiert. Natürlich geht mir Hermanns Ableben sehr nahe, aber durch meinen Beruf habe ich gelernt, Gefühle zu unterdrücken oder zumindest nicht zu zeigen.« »Das finde ich bewundernswert. Sagen Sie trotzdem Bescheid, wenn Sie Fragen als indiskret oder schmerzhaft empfinden.« »Bisher habe ich an Ihren Fragen nichts auszusetzen. Aber ich hätte auch eine: Wieso gehen Sie davon aus, daß Hermann keinen Selbstmord verübt hat?«
»Mein Klient geht davon aus. Er kannte Hermann als lebenslustigen Menschen.« »Wer ist Ihr Klient?« »Das fällt unter die Schweigepflicht. Ich kann nur sagen, daß er Mitglied der Serapionsbrüder ist.« »Diesem Club gehörte Hermann auch an. Ich kenne einige der Herren.« »Können Sie sich vorstellen, daß Herr Grutz Selbstmord begangen hat?« »Auf keinen Fall. Ich war vollkommen geschockt. Als ich Hermann an jenem Morgen verließ, war er voller Tatendrang. Er wollte die letzten Kapitel seines neuen Buches zu Ende schreiben. Am Abend hätten wir gemeinsam die Fertigstellung gefeiert.« »Haben Sie den neuen Roman gelesen?« »Nein. Er hat seine Bücher immer erst komplett geschrieben, bevor er sie mir zur Korrektur gegeben hat.« »Kommen wir noch einmal auf den besagten Tag zurück. Sie haben Herrn Grutz um etwa acht Uhr verlassen und sind anschließend zur Arbeit gegangen?« »Das hat sie Ihnen doch bereits erzählt, Sie Schwachkopf!« mischte sich der Alte ein. »Herr Lienen. Wenn ich Fragen an Sie habe, werde ich es Sie wissen lassen. Bis dahin halten Sie Ihren Mund.« »Das ist eine Unverschämtheit! Cornelia, Du erlaubst diesem Schnüffler, mich derart zu beleidigen? Schick ihn zum Teufel!« »Herr Nannen. Ich halte es für das Beste, wenn Sie jetzt gehen. Wir unterhalten uns ein anderes Mal an einem anderen Ort weiter.« »Möchten Sie bei mir vorbeikommen, Frau Lienen? Wann paßt es Ihnen?« »Heute abend habe ich frei. Ich bin um acht Uhr bei Ihnen. Geben Sie mir Ihre Adresse.« Ich gab sie ihr. Dann sah ich zu, aus der Nähe des giftsprühenden Knackers wegzukommen. III Ich fuhr nach Havixbeck. Dort steuerte ich die größere der beiden Buchhandlungen an. Als durch das Öffnen der Eingangstür eine Klingel ertönte, kam sofort eine etwa fünfzigjährige Verkäuferin angekrochen. Gekrochen war der einzig angemessene Ausdruck, denn für die Wegstrecke von der Kasse bis zu mir benötigte sie drei Stunden. Ihre schwarze Perücke war leicht zur Seite gerutscht, und die Brille hing schief im Gesicht. »Guten Tag. Was wünschen der Herr?« Sie redete so langsam wie sie lief. Wenn ich mich auf ein längeres Gespräch einließ, würde ich nicht vor Mitternacht zu Hause sein. »Ich suche einen Roman von Hermann Grutz; als Weihnachtsgeschenk.« »Wir haben nur Gedichtsbände von Herrn Grutz. Mir ist nicht bekannt, daß er auch Prosa veröffentlicht hat. Aber warten Sie bitte einen Moment, ich schaue im Katalog nach.« »Schwesterherz, er hat doch auch Romane geschrieben, allerdings unter einem Pseudonym.« Hinter einem Bücherregal war eine weitere Vettel aufgetaucht. Es mußte sich um die Zwillingsschwester handeln, denn sie glichen einander wie ein Ei dem anderen. Allerdings versuchte sie, die Langsamkeit ihrer Schwester durch immense Schnelligkeit auszugleichen, sowohl beim Laufen als auch beim Sprechen. Sie griff in ein Regal und zauberte drei Taschenbücher hervor. »Hier bitte. Sämtliche bisher veröffentlichten Romane von Herrn Grutz.« Sie drückte mir die Exemplare in die Hand. Schon die Cover schreckten mich ab, das Pseudonym tat ein übriges dazu: Wilhelm von Gallen. Keines der Bücher hatte jedoch den Titel, den Strazito mir genannt hatte. Auch der Klappentext sprach nicht von Begebenheiten in einem Krankenhaus. »Ist dies das gesamte Werk von Wilhelm von Gallen?« »Ja. Ende neunzehnhunderteinundneunzig erschien sein erstes Buch. Seitdem hat er jedes Jahr einen Roman herausgebracht.« »Folglich müßte der Neue noch in diesem Jahr erscheinen?« »Wenn er sein Veröffentlichungstempo beibehält, ja.« »Wissen Sie schon etwas über das neue Buch?« »Nein. Ganz unter uns gesagt: Ich halte nicht viel von dieser Art Literatur. Seine Gedichtbände sind einzigartig, aber diese Kitschromane...« »Vielen Dank. Ich nehme "Die Liebe ist ein einzigartig Ding".« »Soll ich es als Geschenk einpacken?« Ich verneinte, legte zwanzig Mark auf den Kassentisch und ließ mir vier Mark und zwanzig herausgeben. Ihren Ratschlag, doch auch einen Gedichtband von Hermann Grutz mitzunehmen, schlug ich geflissentlich aus. Ich ließ die Türglocke ein zweites Mal ertönen und stand wieder im Freien. Als nächstes steuerte ich eine Pommesbude an und ließ mir ein Zigeunerschnitzel mit Pommes Frites und Kartoffelsalat einpacken. Das Mittagessen wollte ich in den eigenen vier Wänden einnehmen. Zuhause angekommen öffnete ich eine Flasche Bier und machte mich über die Mahlzeit her. Dabei begann ich mit der Lektüre von Grutz' epischen Ergüssen. Die Geschichte handelte von einem Gigolo, der sein gesamtes Leben damit verbracht hatte, Weiber aufzureißen und von ihren Ersparnissen zu leben. Die Wende trat ein, als er sich in ein fünfundzwanzigjähriges bildhübsches Mädchen verliebte, das er eigentlich ausnehmen wollte. Als der Casanova versprach, sein Leben zu ändern und sich nur noch seiner Dulzinea zu widmen, legte ich die gequirlte Scheiße aus der Hand. Hermann Grutz hatte es tatsächlich geschafft, Konsaliks Romanniveau zu unterschreiten. Ich war kaum fähig, diesen Schund zu lesen. Für einen Autor, der normalerweise anspruchsvolle Lyrik verfaßte, mußte es um ein Vielfaches erniedrigender sein, solch einen Sermon zu schreiben. Ich setzte eine Kanne Kaffee auf und postierte Aschenbecher und Zigaretten auf dem Beistelltisch neben dem Fernsehsessel. Den Sessel hatte ich mir samt Fernseher vor zwei Monaten zugelegt, als ich durch eine Überwachungsarbeit mehr Geld als erwartet verdient hatte. Überhaupt mußte ich sagen, daß ich meinen anfangs heruntergekommenen Kotten ganz manierlich herausgeputzt hatte. Von meinen Honoraren hatte ich stets einen Teil abgezweigt und für die Inneneinrichtung verwendet. So hatte ich ein gemütliches Zuhause geschaffen, mit allen Annehmlichkeiten, die ein vielgeplagter Privatdetektiv brauchte. Das einzige ungelöste Problem war der Viehbestand. Die Fütterei der Kaninchen und jetzt auch der Ziege war äußerst lästig, aber mein Erbonkel Hugo hatte in seinem Testament unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß den Tieren kein Haar gekrümmt werden durfte. Folglich mußte ich auf Kaninchenbraten verzichten. Nachdem das Koffein-Wasser-Gemisch durchgelaufen war, füllte ich eine große Tasse und ließ mich im Sessel nieder. Bisher hatte ich nicht viel herausgefunden. Das einzige, was gegen Selbstmord sprach, waren die Aussagen von Antonio Strazito und Cornelia Lienen. Beide hatten Grutz als lebensfrohen, energiegeladenen Menschen bezeichnet, der niemals einen Gedanken an Selbstmord verschwendet hätte. Gab es Anhaltspunkte, daß Grutz ermordet worden war? Bei diesem Punkt konnte ich mich zunächst nur auf Strazitos Vermutung verlassen. Grutz hatte für sein neuestes Buch im Havixbecker Krankenhaus recherchiert und war dabei auf illegale Geschäfte mit Organen gestoßen. Die Verantwortlichen fürchteten die Aufdeckung ihrer Machenschaften und beseitigten den neugierigen Autor. Cornelia Lienen kannte den Inhalt des neuen Werkes nicht. Ihr Lebensgefährte hatte ihr die Bücher immer erst nach Fertigstellung zur Korrektur gegeben. Ich konnte mir keinen Grund vorstellen, warum Cornelia mich belogen haben sollte. Sie schien ein nettes Mädchen zu sein. Ich mußte in den Besitz des Manuskriptes gelangen. Dabei traf es sich günstig, daß Lienen in fünf Stunden bei mir vorbeischauen wollte. Vielleicht wußte sie, wo Hermann die Unterlagen für sein neues Buch aufbewahrte. Bevor ich nicht Näheres über Grutz' Recherchen im Havixbecker Krankenhaus herausbekam, wollte ich dort nicht ermitteln. Die Zeit bis zur Verabredung mit Lienen konnte ich nutzen, den Serapionsbrüdern einen Besuch abzustatten. Unter Umständen war Antonio Strazito nur ein Spinner, und die übrigen Mitglieder waren ganz anderer Meinung über Hermanns Tod. Ich kramte mein Notizbuch hervor und suchte die Adresse des Bulderner Serapionsbruders heraus. Er wohnte auf der Hauptstraße des Ortes, wenn man das asphaltierte Etwas überhaupt als solche bezeichnen konnte. Immerhin lagen auf dieser Straße der Tante-Emma-Laden, der Dorffriseur und die Pommesbude. Damit waren drei Viertel der Bulderner Geschäftswelt dort ansässig, womit die Bezeichnung Hauptstraße wiederum gerechtfertigt war. Einzig eine kleine Metzgerei, die auch Backwaren anbot, lag in einer Seitenstraße. Das Haus des Serapionsbruders, er hieß Franz Spoden, war das letzte auf dem Bulderner Einkaufsboulevard. Wenn Spoden seine Hand aus dem Fenster streckte, konnte er das Ortsausgangsschild blankputzen. Sein Domizil, ein schmuckes Fachwerkhaus, sah genauso aus wie das der Lienens. Die Steine hatten eine rotbraune Farbe, die mächtigen Balken dazwischen waren schwarz gestrichen. Er hatte sich sogar den Luxus erlaubt, kupferne Dachrinnen anbringen zu lassen. Das Grundstück war von einem niedrigen Jägerzaun eingefaßt, der ebenfalls schwarz gestrichen war. Ich konnte mir vorstellen, daß sich in dieser Umgebung Verse geradezu aufdrängten. Ich stapfte zur Eingangstür und betätigte die Klingel. Nach einer kurzen Wartezeit öffnete sich die Tür, und ein etwa fünfzigjähriger Mann mit schütterem Haar stand vor mir. Er trug eine Baumwollhose, einen weiten Wollpullover und Pantoffeln. »Guten Tag, Herr Spoden. Nannen ist mein Name. Ich bin im Auftrag von Herrn Strazito hier und untersuche den Fall Hermann Grutz.« »Ich weiß davon. Kommen Sie bitte herein.« Franz geleitete mich in ein Wohnzimmer, das urgemütlich aussah. Schwere Eichenmöbel und ein knisternder Kamin verbreiteten eine wohlige Atmosphäre. Er zeigte auf einen Sessel und fragte, was er mir anbieten könne. Ich orderte Glühwein, den er mir wärmstens ans Herz gelegt hatte, und ein Stück selbstgebackenen Napfkuchen. Während er aus dem Raum verschwand, schaute ich mich nach einem Aschenbecher um und wurde fündig. Auf dem Klavier, das unter einem Fenster postiert war, stand ein schwerer Messingascher, in dem einige Kippen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. »Darf ich rauchen?« fragte ich mit einem Kopfnicken in Richtung des Klaviers, als Spoden mit einem Tablett das Zimmer betrat. »Natürlich. Als Sie geschellt haben, wollte ich mich gerade umziehen und zum Zigarettenautomaten gehen. Ich habe keinen Glimmstengel mehr.« »Hier im Ort gibt es einen Zigarettenautomaten? Den habe ich bisher noch nicht entdeckt.« »Ja sicher. Er ist an der Hauswand der Jandewerths angebracht. So rückständig sind wir nicht, wie Ihr Städter immer annehmt.« »Wie kommen Sie darauf, daß ich aus der Stadt bin?« »Ihr Auftreten.« »Ich muß Sie korrigieren, Herr Spoden. Ich bin ebenfalls Bulderner. Seit dem Tod meines Onkels Hugo Simon lebe ich auf seinem Hof. Aber in gewissem Sinne haben Sie recht. Ich bin erst seit einem Dreivierteljahr hier und habe vorher in Essen gewohnt und gearbeitet.« »Sie sagten Hugo Simon? Der hat früher in der Kirche die Orgel bedient.« »Seinen Job habe ich übernommen. Der hiesige Pfarrer hat mich sofort eingespannt, als er hörte, daß ich Keyboard spielen kann.« »Sie müssen entschuldigen, aber ich gehe nur Weihnachten und Ostern in die Kirche.« »Ich habe früher in einer Band gespielt und nutze das Orgelspielen, damit ich nicht ganz aus der Übung komme. Insofern empfinde ich diese Tätigkeit als äußerst sinnvoll.« Das war gelogen. Ich hätte nichts lieber gemacht, als den Organistenposten abzugeben, aber bei meinem Umzug nach Buldern hatte mir Pastor Wilpert keine Chance auf eine Absage gegeben. Der einzige Vorteil bestand darin, daß ich durch die Bedienung der schwarzen und weißen Tasten Sympathien bei der Dorfbevölkerung erlangt hatte, die mir bei einigen Fällen weitergeholfen hatten. Wenn ich eine Oma ausfragte, gab sie einem netten Menschen, der einen wichtigen Posten in der Pfarrgemeinde hatte, eher Auskunft als einem dahergelaufenen Privatdetektiv, der den Großteil seines Lebens in der Stadt verbracht hatte. »Sie sind aber sicher nicht vorbeigekommen, um sich über Musikinstrumente und ihre Bedienung zu unterhalten.« »Sie sagen es. Ich habe einige Fragen zu dem Ableben von Hermann Grutz. Ich wollte mich zuerst unter den Serapionsbrüdern umhören, inwieweit sie an die Selbstmordtheorie glauben. Zu Ihnen komme ich als erstes, weil Sie in meiner Nähe wohnen.« »Es war auf keinen Fall Selbstmord, auch wenn Hermann einen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Wer schreibt seine letzten Worte schon auf einer Schreibmaschine?« »Herr Grutz ist Schriftsteller. Vielleicht kennt er keine andere Möglichkeit, als mit der Maschine zu schreiben. Vielleicht hat er eine unleserliche Handschrift und wollte den Hinterbliebenen das mühsame Entziffern ersparen.« »Sie haben Sinn für Humor. Aber im Ernst: Ich sehe keinen Grund, warum Hermann Hand an sich legen sollte. Er hatte eine hübsche Wohnung, genug Geld, eine nette Freundin, Anerkennung, also alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann. Außerdem habe ich ihn nie niedergeschlagen oder depressiv gesehen. Ganz im Gegenteil: Er hat unsere Arbeit durch seine gute Laune immer wieder befruchtet. Wenn er nicht gewesen wäre, gäbe es keine Serapionsbruderschaft mehr.« »Okay. Gehen wir also davon aus, daß er ermordet worden ist. Haben Sie einen Verdacht, wer als Täter in Frage kommt?« »Nein. Von den Serapionsbrüdern war es mit Sicherheit keiner. Ohne Hermann würden wir nie dort stehen, wo wir jetzt sind. Er hat etliche Preise eingeheimst und uns damit zu einem hohen Bekanntheitsgrad verholfen. Es ist fraglich, ob wir zukünftig ohne ihn existieren können. Zumindest mit der Veröffentlichung von Büchern wird es wohl vorbei sein.« »Sie sagten, daß Herr Grutz das Aushängeschild Ihres Vereins war. Gab es vielleicht Neider, die ihm den Erfolg nicht gegönnt und ihn deshalb beiseite geschafft haben?« »Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben schließlich alle von ihm profitiert. Durch seine Erfolge konnten wir unsere Lyrik publizieren und einem breiten Leserkreis vorstellen. Ich sagte Ihnen bereits: Jetzt, wo Hermann tot ist, sieht es für die Zukunft der Serapionsbrüder finster aus.« »Von persönlichen Feindschaften in der Gruppe wissen Sie also nichts?« »Nein. Wir waren, beziehungsweise sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die romantische Dichtung fortzuführen und sind mit vollem Elan dabei.« »Hatten Sie engeren Kontakt zu Herrn Grutz?« »Unser Kontakt beschränkte sich nur auf die Treffen. Privat habe ich mit Hermann nichts zu tun gehabt.« »Sie sind mir keine große Hilfe, Herr Spoden.« »Tut mir leid, aber ich bin genauso ratlos wie Sie. Ich würde viel dafür geben, den Mörder hinter Gitter zu bringen, aber mir fällt beim besten Willen kein Verdächtiger ein.« Ich schlürfte den Glühwein und vertilgte ein Stück Napfkuchen. Franz Spoden tat es mir nach. Nach getaner Arbeit bot ich ihm eine von meinen Camels an. Fast gierig griff er danach und gab uns beiden Feuer. Wir rauchten schweigend. Anschließend holte er eine weitere Ladung Glühwein und verfeinerte ihn durch einen kräftigen Schuß Rum.
»Haben Sie eigentlich schon eine unserer Veröffentlichungen gelesen?«
»Nein.«
»Warten Sie.«
Er verließ das Zimmer und kam wenig später mit einem kleinen Büchlein zurück. Ich bedankte mich, steckte es in die Jackentasche, vernichtete den Rest Glühwein und stand auf. »Ich mache mich jetzt besser auf den Weg. Ich habe gleich ein Gespräch mit Cornelia Lienen, der Freundin des Verstorbenen.« »Ich hoffe, von ihr erhalten Sie nützlichere Hinweise.«
»Ich teile Ihre Hoffnung. Auf Wiedersehen, Herr Spoden.«
Franz begleitete mich zur Tür. Ich hob zum Abschied die Hand und machte mich vom Acker. Mit dem Gedanken, schon erfolgreichere Befragungen durchgeführt zu haben, fuhr ich nach Hause.

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© by Michael Bresser und Martin Springenberg

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26.12.99