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Schafe und Killer - Die 2. Nannen-Story

Kapitel I - III

Kriminalroman von Michael Bresser und Martin Springenberg

I

Endlich hatte ich die Grippe überstanden. Hätte ich in den letzten Tagen keinen Auftrag gehabt, wäre ich nur aus dem Bett gekrochen, um mein Schwein Wilbert und die Kaninchen zu füttern. So aber hatte ich die meiste Zeit im Auto gesessen und Fotos geschossen.

Das einzige, was mich an diesem Morgen noch an die starke Erkältung erinnerte, waren die bohrenden Kopfschmerzen. Mein Schädel fühlte sich an, als wäre eine Herde Büffel über ihn getrampelt. Das qualvolle Pochen in meinem Kopf ignorierend hüpfte ich schwungvoll aus dem Bett, schleppte mich in das Badezimmer, trank ein mit zwei Aspirin angereichertes Glas Wasser und nahm eine Wechseldusche. Dies war meine dritte Dusche mit warmen Wasser, seit ich vor vier Monaten den Umzug von meiner Heimatstadt Essen in das ländliche Buldern, ein kleines Kaff im Münsterland, vollzogen hatte. Immer, wenn das heiße Wasser auf meine Haut prasselte, ich einen Kaffee in der Kaffeemaschine kochte oder telefonierte, mußte ich an die Zeit zurückdenken, als ich noch ohne Strom auf meinem Erbe, einem heruntergekommenen Kotten abseits jeglicher Zivilisation, gehaust hatte. Dieser stromlose Lebensabschnitt lag seit fünf Tagen hinter mir.

Ich verdiente meine Brötchen als Privatdetektiv. Am heutigen Dienstagmorgen mußte ich einen Abschlußbericht schreiben und das Honorar einsacken. Die besten Klienten waren diejenigen, die einen Scheidungsgrund suchten und mich deshalb hinter ihrem Ehepartner hinterherspionieren ließen. Wenn ich die Seitensprünge mit eindeutigen Fotos belegte, konnte ich in den meisten Fällen eine Zusatzprämie einfahren. Wenn der Ehebrecher jedoch Reue zeigte und man sich versöhnte, mußte ich mich mit dem normalen Honorar zufrieden geben. Ich trocknete mich ab, zog mich an und setzte mich an meine altertümliche Schreibmaschine. Ich führte auf, wann und wohin ich dem treulosen Ehemann gefolgt war, und mit wem er sich getroffen hatte. Das Pikante an diesem Fall war, daß Georg Rateiczek, Vorstandsvorsitzender eines großen Chemiekonzerns und Freizeitseitenspringer, mit der besten Freundin der Ehefrau die Sprungfedern der Hotelbetten auf ihre Belastbarkeit getestet hatte. Nachdem ich den Bericht unterschrieben hatte, steckte ich ihn zusammen mit der Rechnung und zwanzig Fotos, die Rateiczek und seine Geliebte in nicht ganz jugendfreien Posen zeigten, in einen Briefumschlag. Ich überlegte kurz, ob ich die Post mit der Übermittlung beauftragen sollte, entschied mich aber dagegen. Ein persönlicher Besuch hatte noch nie geschadet. Zunächst mußte ich aber etwas in den Magen bekommen. Im Kühlschrank fand ich ein Steak und Kartoffeln, die ich vorgestern gekocht und dann doch nicht gegessen hatte. Die Vertilgung des Nudelsalates, der es sich ebenfalls im Kühlschrank bequem gemacht hatte, wollte ich lieber auf einen anderen Tag verschieben, denn beim Anblick dieses Mayonnaisehammers revoltierte mein grippegeschwächter Magen. Nach der Mahlzeit überwand ich mich und spülte sämtliches Geschirr. Als ich die Tageszeitung von vorne bis hinten studiert hatte, schmiß ich mich in Schale, schnappte den Umschlag mit den Ergebnissen viertägiger Schnüfflerarbeit und gab meinem Wagen als Ziel Havixbeck an.

Frau Rateiczek wohnte in einer Villa am Stadtrand. Das Grundstück war von einer zwei Meter hohen Steinmauer umgeben. Bei meiner Beauftragung durch die betrogene Ehefrau, meinem ersten und einzigen Besuch, hatte ich versucht, die Grundstücksfläche zu schätzen. Ich war auf zehntausend Quadratmeter gekommen. Als ich jetzt das Gelände durch das gewaltige Eisentor betrachtete, mußte ich meine Schätzung revidieren. Es war mindestens doppelt so groß. Ich betätigte die Klingel. Nach einer halben Minute vernahm ich ein Knacken und eine männliche Stimme fragte, was ich von wem wolle. Ich nannte meinen Namen und beantwortete die Fragen. Kurz darauf öffnete sich das Tor. Ich betrat die Welt der Reichen und stiefelte den langen Kiesweg entlang, der auf die Villa zuführte. Zu beiden Seiten erblickte ich den am perfektesten geschnittenen Rasen, den ich je gesehen hatte. Um den Betrachter nicht zu langweilen, waren Blumenrondelle, Bäume und Sträucher gepflanzt worden. Ich hätte höchstens ein Prozent der hier wachsenden Pflanzen benennen können. Auf der Hälfte der Strecke verfluchte ich mich, daß ich keine Marschverpflegung mitgenommen hatte. Ich durfte auf keinen Fall vergessen, eine Abnutzungsgebühr für meine Schuhsohlen in Rechnung zu stellen. Als ich die Stufen zum Haus erklomm, öffnete sich die Tür, und Frau Rateiczek stand vor mir. Sie trug ein Kleid, das zum einen hundert Mal so viel wie meine Garderobe gekostet, zum anderen einen hundert Mal so tiefen Ausschnitt hatte. Ihre dunkelbraunen Haare waren hochgesteckt. Um ihren Hals baumelte eine Kette, für die normale Leute ein Jahr arbeiten mußten.
»Guten Tag, Frau Rateiczek. Ich bin vorbeigekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß der Auftrag abgeschlossen ist.«
Dabei zog ich den Umschlag aus der Jackentasche und reichte ihn ihr.
»Das freut mich, Herr Nannen. Ich hoffe, Sie können ein positives Ergebnis vorweisen.«
»Kommt ganz darauf an, was Sie unter einem positiven Ergebnis verstehen.«
»Können Sie sich das nicht denken, oder sehe ich wie eine Frau aus, die sich vor Liebe nach ihrem Mann verzehrt? Aber kommen Sie doch bitte herein.«
Ich folgte ihrer Aufforderung und marschierte hinter Rateiczek her. Das einzige, was nicht zu der verführerisch vor mir hertänzelnden Frau paßte, war der Nachname.
»Wie heißen Sie eigentlich mit Mädchennamen?«
»Dohmen, Sabine Dohmen.«
»Gefällt mir besser.«
»Mir auch. Und wenn in dem Umschlag das ist, was ich vermute, werde ich auch bald wieder so heißen.«

Mittlerweile hatten wir das Wohnzimmer erreicht. Wir ließen uns jeder in einen Ledersessel fallen, und Sabine betätigte eine Klingel, die auf dem Marmortisch stand. In Sekundenschnelle tauchte ein livrierter Bursche auf, verbeugte sich und stand still. Sie befahl ihm, einen Brieföffner und Champagner zu bringen.
»Ist Ihr Mann nicht daheim, Frau Dohmen?«
»Wenn er jetzt schon zu Hause wäre, würde er nicht so viel Geld verdienen. Wenn er nicht so viel Geld verdienen würde, hätte ich ihn nicht geheiratet und würde mich jetzt nicht von ihm scheiden lassen. Jede Minute, die er mehr im Büro verbringt, erhöht die Alimentenzahlungen.«
»Sie haben eine sehr gesunde Sicht, die Dinge zu betrachten. Ich denke genauso, nur hatte ich leider nicht das Glück, eine reiche Frau zu finden, von der ich mich scheiden lassen kann. Aber bald wird ja eine frei werden.«
»Ihre Art von Humor gefällt mir. Ich würde die Hoffnung nie aufgeben. - Ah, da kommt der Champagner.«
Der Butler schenkte das edle Gesöff ein und postierte die Gläser vor uns auf dem Tisch; den Brieföffner gab er seiner Herrin.
»Vielen Dank, Jeremy. Das wäre dann alles.« Jeremy verschwand unauffällig.
»Jetzt kommt der große Augenblick, Herr Nannen«, fast andächtig wiegte sie den Brieföffner in ihrer Hand,
»auf diesen Moment habe ich lange gewartet.«
Achtlos schnitt sie den sorgsam zugeklebten Umschlag auf. Meinen Bericht und die Rechnung ließ sie unbesehen auf den Tisch fallen. Sie interessierte sich nur für die Fotos. Ihr Gesicht wurde um einige Stufen blasser, als sie erkannte, mit wem ihr Noch-Ehemann das Bett geteilt hatte.
»Diese miese Schlampe. Mir heult sie andauernd vor, wie sehr sie darunter leidet, nicht verheiratet zu sein, und dann das!«
»Ich gehe besser. Meine Rechnung liegt dort. Ich hoffe, Sie sind trotzdem mit meiner Arbeit zufrieden. Auf Wiedersehen, Frau Dohmen.«
»Warten Sie.«
Sie fischte sich die Kostenaufstellung heraus und überflog sie.
»Eintausendfünfhundertdreiundvierzig Mark und siebzig. Was halten Sie davon, wenn ich Ihr Honorar verdoppele; sagen wir auf dreitausend Mark? Jetzt kann ich es mir leisten.«
Sie schien sich schnell von dem Schock erholt zu haben.
»Solche Vorschläge höre ich gerne von Klienten.«
»Klient. Das hört sich viel zu steril und anonym an. Nennen Sie mich einfach Sabine.«
»Dieter sagt danke für dieses Angebot. Darf ich Dich dafür zum Abendessen einladen? Ich könnte mir vorstellen, daß es sehr unterhaltsam wird. Du bestimmst Zeit und Ort, ich zahle.«
»Endlich kommst Du mit diesem Vorschlag. Ich rufe in den nächsten Tagen an, darauf kannst Du Dich verlassen. Diese Woche wird es aber noch nichts mit dem Essen geben, da ich erst einmal alle Räder bezüglich meiner Scheidung in Bewegung setzen muß. Darauf stoßen wir an.«
Sie reichte mir ein Champagnerglas, und wir prosteten uns zu. Sie ließ das Blubberwasser in einem Zug in ihrem wundervollen Körper verschwinden. Ich tat es ihr nach. Dann stand ich endgültig auf. Ich hatte keine Lust, ihrem Angetrauten zu begegnen.
»Grüß Deinen geliebten Ehemann von mir und viel Vergnügen heute abend.«
»Das werde ich haben. Ich werde Vergrößerungen der Fotos anfertigen lassen und überall im Haus aufhängen.«
Schweigend gingen wir zur Haustür, verabschiedeten uns, und ich machte mich auf den langen Marsch zu meinem Auto. Das hatte sich gelohnt. Dreitausend Mark und ein Abendessen mit einer gutaussehenden, reichen Frau für vier Tage Routinearbeit.

II

Nachdem ich zu Hause angekommen war, mistete ich den Schweinestall aus. Die Viehpflege hatte ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt. Den Kaninchen schien dies allerdings nur wenig ausgemacht zu haben, denn sie mümmelten vergnügt an ihrem Löwenzahn und straften mich mit Mißachtung. Sorgen hingegen bereitete mir mein Schwein Wilbert. Es rührte seinen Trog nicht an, sondern lag faul in einer Ecke des Stalles. Leider fehlten mir selbst die fundamentalsten Kenntnisse in Tierpsychologie. Daher konnte ich mir Wilberts Verhalten nicht erklären. Wenn er seinen Hungerstreik fortsetzen sollte, mußte ich wohl oder übel einen Veterinär bestellen. Ich beschloß, am Abend noch einmal nach Wilbert zu sehen und mir erst dann weitere Gedanken zu machen.5 Ich ging in das Haus zurück und besichtigte meinen Bücherschrank. Um etwas für meine Bildung zu tun, griff ich nach dem Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Ich holte ein Pils aus dem Kühlschrank, fläzte mich in den Sessel und schlug die erste Seite auf:
I. Die Welt ist alles, was der Fall ist.
I.I Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
I.II Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, daß es alle Tatsachen sind. Ich wollte gerade zu These
I.III übergehen, als es klopfte.
»Immer nur herein! Die Tür ist offen.« Eine Dame mittleren Alters trat ein. Ihre Oberarme übertrafen die Breite meiner Oberschenkel um einiges. Der restliche Körper entsprach ebenfalls dem barocken Schönheitsideal. Sie trug einen Jogginganzug in schreiendem Neongelb. Ihre Füße steckten in Nike-Turnschuhen.
»Sie wünschen?«
»Sind Sie Herr Nannen? Der Privatdetektiv?« »Ganz recht, Frau...?« »Eckolt.« »Nehmen Sie bitte Platz, Frau Eckolt.« Unter lautem Schnaufen ließ sie sich auf einem Stuhl nieder. Damit hatte sie alle Bakterien auf der Sitzfläche plattgewalzt. Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte einen gespannten, erwartungsvollen Ausdruck in mein Gesicht zu zaubern. »Dann erzählen Sie, was Ihnen auf dem Herzen liegt.« »Im Grunde weiß ich nicht, ob das ein Fall für Sie ist. Die Polizei hat ihre Ermittlungen nämlich so gut wie abgeschlossen.« »Überlassen Sie das meinem fachmännischen Urteil, Frau Eckolt. Ich weise keinen ab, der Hilfe braucht.« »Nun gut.« Sie räusperte sich. »Mein Schwiegervater ist gestern ermordet worden.« »Mein herzliches Beileid.«6 »Danke. Aber wissen Sie, wir standen uns nicht sehr nahe. Heinz, das ist mein Mann, war schon seit Jahren mit seinem Vater verkracht. Man traf sich nur noch bei Beerdigungen und anderen Anlässen dieser Art.« »Warum interessiert Sie dann sein Tod?« »Meine Schwägerin Christa Kerner wird von der Polizei verdächtigt. Sie sitzt zur Zeit in Untersuchungshaft in Böckinghausen. Christa ist nicht nur die Schwester meines Mannes, sondern auch meine beste Freundin. Durch sie habe ich Heinz kennengelernt.« »Die Polizei nimmt Ihre Schwägerin doch nicht ohne Grund in Untersuchungshaft.« »Jemand hat anonym die Polizei verständigt. Als die Beamten am Tatort eintrafen, fanden sie Christa über die Leiche ihres Vaters gebeugt.« »Warum befand sich Frau Kerner im Haus Ihres Schwiegervaters?« »Sie macht ein paar Mal in der Woche bei ihm sauber, und gestern war wieder solch ein Tag.« »Was läßt Sie an der Täterschaft Ihrer Schwägerin zweifeln?«
»Herr Nannen, ich kenne Christa seit fünfunddreißig Jahren. Zum einen wäre sie nie im Leben fähig, jemanden zu töten. Zum anderen hatte sie als einziges der Kinder ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Es gibt noch eine Schwester. Sie ist mit siebzehn Jahren von zu Hause weggelaufen, weil der Vater ihre Beziehung zu einem zwanzig Jahre älteren Mann nicht billigen wollte. Ein Jahr später kam sie wieder angekrochen und trug einen Ehering. Da ihr Mann lieber Sozialhilfe kassierte, als zu arbeiten, herrschte Ebbe in der Haushaltskasse. Jetzt sollte der Vater wieder aushelfen. Er hat sie nur ausgelacht. Um wieder auf Christa zu sprechen zu kommen: Welches Motiv sollte sie haben? Die Polizei glaubt, daß sie etwas schneller das Erbe kassieren wollte, als es die Natur vorgesehen hat.« »War Ihr Schwiegervater vermögend?«
»Ich glaube schon. Immerhin hat er ein florierendes Bauunternehmen geleitet.«
»Hatte Frau Kerner finanzielle Probleme?«
»Sie bezieht eine Witwenrente. Ihr Mann ist vor einem Jahr an einem Herzinfarkt gestorben. Sie ist zwar nicht auf Rosen gebettet, kommt aber gut über die Runden.« Das versprach ein interessanter Fall zu werden. Ein alter Mann, dessen Lebensaufgabe darin bestand, sich mit seinen Kindern zu verkrachen, ließ sich von der einzigen ihm gewogenen Tochter erdrosselt in seinem Haus finden. Wo sollte ich mit den Ermittlungen anfangen? »Haben Sie einen Verdacht, wer für den Mord in Frage kommen könnte?« »Nein. Vielleicht weiß Christa mehr.« Mehr Fragen fielen mir nicht ein. Nachdem ich einen Vorschuß von fünfhundert Mark kassiert hatte, verabschiedete ich sie. Bevor ich mich in diesen aufwendigen Fall stürzte, wollte ich mir noch eine Ruhepause gönnen. Ich legte eine Scheibe der Beasts Of Bourbon auf den Plattenteller und mixte mir einen dazu passenden Drink.

III

Am nächsten Morgen schlüpfte ich voller Tatendrang in meinen Bademantel. Ich kochte zwei Eier und eine Kanne Kaffee. Dabei legte ich den Tagesablauf zurecht. Meine Planung sah vor, daß ich zuerst Christa Kerner im Gefängnis aufsuchen mußte. Über die weiteren Schritte wollte ich mir danach Gedanken machen. Plötzlich fiel mir Wilbert ein. Ich hatte ihn über Frau Eckolts Besuch ganz vergessen. Ich zog mich an und stiefelte zum Schweinestall. Er lag an derselben Stelle, wo ich ihn gestern zurückgelassen hatte. Sein Futter hatte er noch immer nicht angerührt. Wenn mich nicht alles täuschte, war er dazu auch nicht mehr in der Lage. Er sah nämlich nicht sehr lebendig aus. Seine Augen starrten glasig zur Decke. Als ich einen Finger an seine Nase hielt, konnte ich keine Spur einer Atemtätigkeit feststellen. Aber vielleicht waren meine Untersuchungsmethoden zu unprofessionell. Ich ging in die Wohnung zurück und rief Lukas Hektor an. Er war zwar kein Veterinär, aber in Buldern versorgte er alle kranken Tiere. Dabei verdiente er sich eine Menge nebenbei. Eine Viertelstunde später stand Lukas auf der Matte. Er hatte nur noch an den Seiten seines Kopfes Haare. Diese waren sorgfältig über die kahle Stelle in der Mitte gekämmt. Mit seiner Größe hätte er in eine Streichholzschachtel gepaßt. Wenn er sich auf die Zehen stellte, ging er mir bis zum Bauchnabel. Zudem war er spindeldürr. Hektor kratzte sich über das unrasierte Kinn. »Wo ist der liebe Verstorbene? Hast Du ihn nicht im Haus aufgebahrt?«
»Laß die Scherze, Lukas. Ich bin in Trauer. Aber vielleicht irre ich mich in meiner Diagnose.« Wir gingen zum Stall. Hektor beugte sich über Wilbert und unterwarf ihn einer eingehenden Musterung.
»Tja, Dein Mitbewohner hat den Löffel abgegeben. Wenn Du willst, übernehme ich die Entsorgung.«
»Wieviel kostet mich der Spaß?«
»Sagen wir fünfzig Mark, und Du mußt Dir nicht die Hände schmutzig machen.« Ich gab ihm das Geld, und wir luden das Schwein auf seinen Anhänger. Danach tranken wir zwei Klare auf das Geschäft. Als Hektor mit Wilbert abzog, wurde mir mein Glück erst richtig bewußt: Ich sparte mindestens tausend Mark an Futterkosten pro Jahr. Darauf trank ich den dritten Korn.

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© by Michael Bresser und Martin Springenberg

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18.12.99