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Nannen Kapitel I - III

Kriminalroman von Michael Bresser und Martin Springenberg

I

»Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.«
»Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.«
Eine metallische Stimme fraß sich in meinen Gehörgang. Ich zog die Decke über den Kopf und drehte mich zur Seite.
»Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.«
Es half alles nichts. Ich richtete mich auf. Als ich aus dem Fenster blickte, starrte mich gähnende Schwärze an. Nachdem ich die Quelle der nächtlichen Ruhestörung abgeschaltet hatte, begann mein Verstand zu arbeiten. Wie heiße ich? Wo bin ich? Warum spricht mein Wecker? - Dieter Nannen. Weiß nicht. Weiß nicht. Ich kroch aus dem Bett und versuchte, den Lichtschalter zu finden. Fehlanzeige. Auf dem Tisch bekam ich eine Kerze und Streichhölzer zu fassen. Als sich im flackernden Kerzenlicht die ersten Konturen aus der Dunkelheit herauskristallisierten, fiel mir ein, was sich vor wenigen Minuten meiner Kenntnis entzogen hatte. Ich befand mich in einem Bauernhaus in Buldern und mußte das Vieh füttern. Was hatte ein achtundzwanzig Jahre alter Betriebswirt aus der Großstadt auf einem Gehöft in der Provinz zu suchen?

24. 02. 1993, 16.30 Uhr. Anwaltsbüro Meuer in Münster.
»Mein ganz herzliches Beileid, Herr Nannen.« »Danke. Aber wofür?«
»Hatten wir es nicht in unserem Brief erwähnt? Hugo Simon ist vor sechs Wochen von uns gegangen. Sie sind sein Alleinerbe.«
Während Meuer eine halbe Stunde die menschlichen Qualitäten Simons rühmte, begann ich zu erahnen, von wem er redete. Ich kannte ihn nur als Onkel Hugo, aber genaugenommen war er nicht mit mir verwandt. Bevor meine Mutter meinen Vater kennenlernte, hatte sie eine fünfjährige Liaison mit Simon. Diese endete, als sie sich in die blauen Augen des Bankiers Klaus Nannen verliebte, der um ihre Hand anhielt. Nach der Heirat zog das Paar von Frankfurt nach Essen. Hugo Simon aber gab sich nicht geschlagen. Er war so verliebt in Mom, daß er alle zwei Monate in unserer Villa am Baldeney-See auftauchte. Dabei machte er meiner Mutter schöne Augen und spielte mit mir Hoppe-Hoppe-Reiter. Da sie es mit der Treue nicht so genau nahm, war die Ehe inzwischen zerrüttet, doch daraus zog Hugo keinen Vorteil. Weil sie sich an den Luxus des Schickerialebens gewöhnt hatte, rekrutierten sich ihre Liebhaber aus den Chefetagen der ortsansässigen Geschäftswelt. Der Oberkellner einer Frankfurter Bahnhofskneipe war ihr nicht mehr gut genug. Als Hugo meine Mutter fragte, ob sie sich scheiden lassen und ihn heiraten wolle, lachte sie ihn nur aus. Daraufhin hörten seine Besuche auf.

Ich hatte Hugo Simon seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Der Gute mußte äußerst einsam gestorben sein; ansonsten konnte ich mir keinen Grund vorstellen, warum ausgerechnet ich sein Erbe sein sollte.
»Eine Frage. Was habe ich geerbt?«
Meuers Redefluß stoppte abrupt.
»Oh, sagte ich das nicht? Sie dürfen sich als stolzer Eigentümer eines Bauernhofes in Buldern sehen. Die Sache hat nur einen Haken.«
»Wo liegt Buldern und wo der Haken?«
»Buldern ist ein reizendes Dorf im Münsterland. Idyllisch gelegen. Sie erben den Hof aber nur, wenn Sie ihn bewohnen und das Vieh versorgen. Nicht viel, nur ein Schwein und acht Kaninchen.«
»Das muß ich erst überschlafen. Ich melde mich bei Ihnen.«
Der erfolgreiche Betriebswirt als Ziehvater für verwaistes Vieh in ländlicher Einöde? Schwer vorstellbar. Andererseits langweilte mich mein Job schon seit langem. Das Erstellen von Bilanzen verschaffte mir zwar einen meinen Bedürfnissen angemessenen Lebensstandard, befriedigte aber nicht. Eine feste Freundin, die mir den Abschied von Essen hätte erschweren können, hatte auch nicht. Das einzige, was mich in Essen hätte halten können, wäre Fried, meine Band gewesen. Aber nach einer schlecht verkauften Platte und einem Haufen von mißlungenen Auftritten stand man kurz vor der Trennung. Schließlich machten mir nur noch die Finanzen Sorge. Aber so schwierig konnte es nicht sein, im Münsterland eine Stelle zu finden. Ich beschloß, die Erbschaft anzunehmen.

II

Ich schlüpfte in die Arbeitskluft, die ich einem befreundeten Handwerker abgekauft hatte. Der grobe Stoff fühlte sich auf meiner nur Anzüge gewohnten Haut unangenehm an. Als die ersten Sonnenstrahlen meine Einsiedlerklause erhellten, löschte ich die Kerze, die einzige Lichtquelle im gesamten Haus. Der Kran spendete auch nur kaltes Wasser. Hugo hatte es wohl nicht für nötig befunden, Stromleitungen verlegen zu lassen. Zumindest ein Anschluß mußte jedoch vorhanden sein, denn im Keller sprang eine Pumpe an, wenn ich den Wasserhahn aufdrehte. Das bewahrte mich zumindest davor, meinen Körper im angrenzenden Bach waschen zu müssen. Ich trat aus dem Haus, das von Feldern umgeben war, soweit man sehen konnte. Das nächste bewohnte Gehöft war zwei Kilometer entfernt, wie mir der Taxifahrer bei meiner gestrigen Anreise versichert hatte. Dort wohne eine Frau, die das Vieh bis zu meiner Ankunft versorgt habe. Ich machte mich auf, um zu den Ställen hinter zu stiefeln. Bei dem Gedanken, mich den zukünftigen Schutzbefohlenen vorzustellen, fühlte ich mich unbehaglich, denn meine einzige Erfahrung mit Tieren beruhte auf Begegnungen mit dem kläffenden Köter einer ehemaligen Mitmieterin. Die Sorge erwies sich als unbegründet, denn eine wohlgenährte Sau grunzte mich erwartungsvoll an. So leicht schloß man auf dem Dorf Freundschaften. Plötzlich wurde mir bewußt, daß ich ein Problem hatte: Weit und breit kein Schweinefutter. Weil sich meine Erfahrungen in der Schweinezucht bis dahin nur auf den Verzehr des fertigen Produktes beschränkt hatten, beschloß ich, bei der Nachbarin vorbeizufahren, die bis jetzt die Tiere gefüttert hatte. Anrufen konnte ich nicht, da im gesamten Haus kein Telefon zu finden war. Zum Glück hatte mir Onkel Hugo ein angerostetes Hollandrad vererbt, das neben dem Kamin im Wohnzimmer stand. Voller Neid dachte ich an meine alten Kollegen aus Essen. Welcher von ihnen mußte sich schon am Sonntagmorgen um acht Uhr auf einem Gefährt, das die Bezeichnung Fahrrad nur entfernt verdiente, auf die Suche nach Schweinefutter begeben. Nach fünf Minuten frischer Morgenluft erreichte ich einen Hof, der zwar nicht größer, dafür aber wirtschaftlicher als meiner schien. An der Hofeinfahrt war ein Schild mit der Aufschrift "Karin Schuhmann - Biogemüse" befestigt. Auf das Klopfen an der Vordertür erfolgte keine Reaktion, aber die Tür war unverschlossen. Ich betrat eine geräumige, mit alten Bauernmöbeln ausgestattete Diele. Als ich die Tür zum nächsten Raum öffnete, kam ich nicht dazu, das antik rustikale Interieur zu bewundern.
»Wer sind Sie?«
Eine wohlproportionierte schwarzhaarige Frau, etwa fünfundzwanzig, versuchte ein Handtuch um den nackten Körper zu wickeln.
»Frau Schuhmann? Ich bin Dieter Nannen, ihr neuer Nachbar.«
»Die steht vor Ihnen. Ihr Großstadtleute denkt wohl, ihr könntet einfach in das Privatleben anderer Leute eindringen.«
Ihre dunklen Augen funkelten mich böse an. »Hören Sie, ich habe geklopft, und wenn ich Sie in Verlegenheit gebracht habe, tut mir das leid.«
»Das ist das Mindeste. Was wollen Sie?«
»Ich weiß nicht, womit ich das Schwein füttern soll.« »Mit Essensresten, womit sonst. Wenn Sie keine Ahnung von Viehhaltung haben, sollten Sie in der Stadt bleiben.«
Leider war ich auf sie angewiesen. Andernfalls hätte ich ihre Anfeindungen mit einem flotten Spruch gekontert. So aber versuchte ich, sie mit dem sprichwörtlichen Nannen-Charme zu erschlagen. »Schöne Frau, besitzen Sie die Liebenswürdigkeit, mir Essensreste zu borgen? Ich würde mich auch erkenntlich zeigen, wenn ich besser eingerichtet bin.« »Sparen Sie sich das Gesülze. Sie stehen sowieso in meiner Schuld, denn schließlich füttere ich die Tiere seit sechs Wochen, von der Ausmisterei ganz zu schweigen. Na schön, Sie bekommen etwas. Aber nur, weil mir die Sau leidtut.« Den Umgang mit Frauen hatte ich nicht verlernt. »Wie wäre es mit einer Telefonleitung? Pfarrer Wilpert hat für Sie angerufen. Ich bin schließlich nicht Ihre Sekretärin.« »Was kann ich dafür, daß der Pfarrer angerufen hat? Ich hatte ihn nicht darum gebeten. Was will er?« »Ihr Onkel war Organist, und Pfarrer Wilpert sucht einen Nachfolger. Er erwartet Sie heute in der Kirche. Sie sind doch wenigstens musikalisch?« »Da hat er aber Glück. Zufällig...« »Ich hole das Schweinefutter.«

III

Um neun Uhr waren Schwein und Kaninchen gefüttert. Ich machte ein kleines Nickerchen, schwang mich erneut auf das Fahrrad und radelte Richtung Buldern. Nach zwei Kilometern kam ich auf eine asphaltierte Straße, und nach weiteren fünfhundert Pedaltritten sah ich vor mir das Dorf liegen. "Dorf" war eine übertriebene Bezeichnung, denn hier wohnten weniger Leute als am Freitag abend in meiner Essener Stammkneipe ihre Deckel bezahlten. Ich hielt an. Nicht, weil ich die idyllische Aussicht genießen wollte sondern weil die Fahrradkette abgesprungen war. Nach zehn Minuten Reparaturarbeiten war meine Geduld erschöpft und die Klamotten versaut. »Hohoho, kann ich Dir hilfe?« Ich drehte mich um. Ein Hüne bewegte sich auf mich zu, die Hände in den Hosentaschen. Er trug grüne Gummistiefel, die Hose erinnerte an Schweizer Käse, der Hosenstall stand offen, das karierte Hemd war falsch geknöpft. Die Haare waren seit der Einschulung nicht mehr gewaschen worden, und bei seiner Brille fehlte ein Glas. Das hatte er wohl herausgebrochen, um wenigstens auf einem Auge etwas sehen zu können, denn das andere Glas war mit einer dicken Dreckkruste überzogen. »Warte Du ein Moment, ich tu festmachen!« Die Geschwindigkeit, mit der er bei dem Fahrrad war, verblüffte mich, noch mehr erstaunten mich die Hände, die er aus den Taschen holte, um die Kette zu richten. Solche riesigen Pranken hatte ich noch nie gesehen. Wenn normale Menschen mit Messer und Gabel aßen, mußte er Sense und Forke nehmen. »So, das wars! Übrigens, mein Name heißt Stephan, wer sein Du?« »Dieter.« Ich hatte keine Lust auf Konversation. Daher bedankte ich mich, sprang auf das Fahrrad und radelte los. Das mußte der obligatorische Dorftrottel gewesen sein. Auf dem restlichen Weg zur Kirche hing ich nur einem Gedanken nach. Wie hatte er mit diesen Schaufeln die Kette reparieren können? Ich stellte das Fahrrad auf dem leeren Kirchhof ab. Der Vorteil dieses Vehikels lag darin, daß man es nicht abzuschließen brauchte, denn wer stahl fahrenden Rost? Ich klopfte an das Kirchportal und trat ein. »Guten Tag, sind Sie Nannen?« Ich schaute nach vorne zum Altar und erkannte einen unsagbar fetten, kahlköpfigen Greis in Priesterkluft. »Ja. Pfarrer Wilpert?« »Sie sind eine Stunde zu spät; daß mir das nicht noch einmal vorkommt. Ich habe weiß Gott andere Dinge zu erledigen, als auf Sie zu warten.« Frau Schuhmann hatte verschwiegen, daß ich schon um elf an der Kirche sein sollte, aber das Warten hatte den Priester nicht umgebracht. »Jetzt bin ich hier!« »Das ist auch Ihr Glück. In fünf Minuten wäre ich nämlich weggewesen.« »Frau Schuhmann sagte, ich solle Simons Organistenposten übernehmen?« Allmählich wurde ich es leid, mich aus fünfzehn Metern Entfernung mit ihm zu unterhalten und schritt Richtung Altarraum. Je mehr sich die Distanz zu ihm verringerte, desto fetter wurde er. War ich froh, daß ich nur das Schwein und nicht auch ihn versorgen mußte. »Wie sehen Sie aus!« bölkte er mich an. »Ein Organist muß zumindest gewaschen sein.« Mir fiel ein, daß ich über und über mit Fahrradöl beschmiert war. »Soll ich orgeln oder an Modenschauen teilnehmen? Ich kann gerne die Tür von außen zumachen«, erwiderte ich, denn irgendwann hatte meine Freundlichkeit ihre Grenzen. »Wenn wir nicht so dringend einen Organisten bräuchten, würde ich Sie hinauswerfen.« spie er mich mit hochrotem Kopf an, »kommen Sie, ich zeige Ihnen das Instrument.« Wir marschierten auf die Empore, er voran. Auf den letzten Stufen schnaufte Pastor Wilpert dermaßen, daß ich jede Sekunde mit einem Herzinfarkt rechnete. Ich sah mich schon unter einer Fettschicht begraben am Fuße der Treppe liegen. Schließlich kamen wir doch lebend an. Er ließ sich auf eine Bank fallen, um den Blutdruck auf zweihundertfünfzig herunterzubringen. Das gesuchte Objekt war ein Koffer mit braunen und schwarzen Tasten. Wüßte ich es nicht besser, so hätte ich vermutet, daß der vorherige Organist Stephan Dorfdepp hieß, denn an der Hälfte der Tasten waren Teile abgebrochen, und die Orgelpfeifen sahen aus, als hätte Stephan sich nach jeder Messe dagegen gelehnt. »Hierauf soll ich spielen?« »Sie können auch etwas anderes benutzen. Bis nächsten Sonntag haben Sie Zeit, die Lieder einzustudieren.« Er kramte einen Zettel aus der Tasche und reichte ihn mir. Darauf waren in einer kaum zu entziffernden Handschrift einige Nummern notiert. »Das Gesangsbuch liegt dort auf dem Schemel. So, jetzt muß ich los, eine Krankensalbung. Bis nächsten Sonntag.« Während er ächzend davonrollte, grübelte ich darüber nach, was ich ihn noch hatte fragen wollen. »Was bekomme ich dafür, daß ich jeden Sonntag meine Finger an den Tasten aufreiße?« »Einen Platz im Himmel!« Die Kirchentür fiel ins Schloß.

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© by Michael Bresser und Martin Springenberg

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11.12.99